Eine Arbeitsdefinition
Solidarische Geopolitik beschreibt einen handlungsorientierten Ansatz internationaler Politik, der geopolitische Interessen mit Prinzipien sozialer und globaler Solidarität verbindet. Im Gegensatz zur klassischen, machtzentrierten Geopolitik geht es dabei nicht nur um die Durchsetzung nationaler Einflusszonen, sondern um die Gestaltung gemeinsamer Handlungsräume mit Partnern verschiedener Machtpositionen. Solidarische Geopolitik versteht internationale Beziehungen als Netzwerk wechselseitiger Abhängigkeiten, in dem Vertrauen, Fairness und Mitgestaltung strategische Ressourcen sind. Macht bleibt relevant – aber sie wird relational, also als Fähigkeit verstanden, Kooperationen zu stabilisieren und gemeinsame Resilienz aufzubauen.
Noch ist das Konzept in vieler Hinsicht unscharf. Es fehlt eine klare theoretische Verortung zwischen normativer Außenpolitik, klassischer Geopolitik und postkolonialer Kritik. Zu klären wäre, wie Solidarität in Kontexten strategischer Konkurrenz praktisch aussehen kann – etwa zwischen europäischen und afrikanischen Interessen in Energiefragen oder zwischen Sicherheits- und Entwicklungszielen. Ebenso stellt sich die Frage, welche institutionellen Mechanismen Solidarität absichern können, ohne in moralische Appelle oder asymmetrische Abhängigkeiten zurückzufallen. Hier braucht es operationalisierbare Leitlinien: Wo endet Solidarität, wenn strategische Interessen kollidieren? Welche Akteure verkörpern sie in internationalen Foren?
Schärfen ließe sich das Konzept schließlich durch eine explizite Verbindung zu Praxisfeldern – etwa Entwicklungs-, Klima- und Handelspolitik. Eine Solidarische Geopolitik müsste zeigen, wie Deutschland und Europa ihre strategischen Instrumente (Finanzierung, Technologie, Diplomatie) neu ausrichten können, damit sie kooperative Wertschöpfung statt Einflusszonen fördern. Dabei könnte das Konzept auch zu einem Bewertungsrahmen werden, um politische Kohärenz zu prüfen: Handelt eine Maßnahme machtpolitisch zweckmäßig und solidarisch tragfähig? Gelingt es, geopolitische Risiken zu reduzieren, indem man Partnerländer als Mitgestalter stärkt? Wenn diese Fragen systematisch bearbeitet werden, kann Solidarische Geopolitik von der Idee zu einem strategischen Paradigma werden.
Die Welt wird unübersichtlicher. Die Rivalität zwischen den USA und China verschärft sich, Russland führt Krieg gegen die Ukraine, und der Globale Süden ordnet seine strategischen Interessen neu. Deutschland steht vor der Frage, welche Rolle es in dieser neuen Weltordnung spielen will. Höchste Zeit also, über solidarische Geopolitik nachzudenken.
Was läuft schief mit der traditionellen Geopolitik?
Klassische Geopolitik betrachtet Staaten als Akteure in einem Spiel um Macht und Einfluss. Geografie, Ressourcen und strategische Allianzen bestimmen dabei die Regeln. Diese Perspektive erklärt viel – etwa, warum China massiv im Indo-Pazifik investiert oder warum Rohstoffe zunehmend umkämpft sind.1 2 3
Doch sie greift zu kurz. Eine rein machtpolitische Sichtweise reduziert internationale Beziehungen auf Nullsummenspiele. Entwicklungspolitik wird zum geopolitischen Werkzeug, Partnerländer zu Spielfiguren degradiert. Ihre eigenen Lösungsideen für globale Herausforderungen werden ignoriert. Kurzfristige Interessen dominieren – langfristiges Vertrauen bleibt auf der Strecke.4
Gerade für Deutschland ist das riskant. Ein Land, das auf stabile Partnerschaften angewiesen ist, kann sich keine Haltung leisten, die nur auf geopolitischen Wettbewerb setzt.5
Der Gegenentwurf: Solidarische Geopolitik
Solidarische Geopolitik verbindet geopolitische Realitäten mit wertebasiertem Handeln. Sie nimmt Machtfragen ernst, aber ebenso die Bedürfnisse und Perspektiven der Partnerländer. Sie baut auf Partnerschaftlichkeit, Respekt und Kooperation auf Augenhöhe.6
Denn die großen Herausforderungen – Klimawandel, Pandemien, Hunger, Instabilität – lassen sich nicht mit geopolitischen Muskelspielen lösen. Was es braucht, ist echte Zusammenarbeit: respektvoll, transparent, langfristig.7
Erste Ansätze: Was Entwicklungspolitik bereits anders macht
Die Strategie für starke multilaterale Entwicklungspolitik des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung geht erste Schritte. Im Mittelpunkt stehen die Interessen der Partnerländer, nicht nur deutsche Prioritäten.8 9
Konkret bedeutet das:
- Partner als Mitgestalter: Ghana etwa wird nicht als Hilfeempfänger gesehen, sondern als strategischer Partner mit eigenen wirtschaftlichen Zielen.10
- Krisen gemeinsam lösen: Im Jemen setzt das Welternährungsprogramm auf Kooperation mit der lokalen Bevölkerung, um Risiken gemeinsam zu bewältigen.11
- Faire Klimapartnerschaften: Im Sinne einer “Just Transition” werden klima- und entwicklungspolitische Ziele gemeinsam definiert und umgesetzt.12
- Trianguläre Kooperationen: Deutschland arbeitet mit Ländern des Globalen Südens zusammen, um gemeinsam Dritte zu unterstützen – wissensbasiert statt hierarchisch.13
Warum das für Deutschland sinnvoll ist
Solidarische Geopolitik ist kein moralisches Nice-to-have, sondern ein strategischer Vorteil:14
- Vertrauenswürdigkeit als Währung: Wer in multipolaren Zeiten als verlässlicher Partner gilt, gewinnt langfristig Einfluss.15
- Wirtschaftliche Chancen: Entwicklungspartnerschaften schaffen stabile Rahmenbedingungen, neue Märkte und Investitionssicherheit – auch für deutsche Unternehmen.16
- Führungsstärke statt Abhängigkeit: Länder des Globalen Südens sind eigenständige Akteure. Wer mit ihnen auf Augenhöhe kooperiert, bleibt gestaltende Kraft in internationalen Foren.17 18
- Glaubwürdigkeit bei globalen Problemen: Echte Kooperation ist unverzichtbar für Krisen wie Pandemien, Migration oder Klimawandel.19
Eine Einladung zum Weiterdenken
Solidarische Geopolitik ist kein fertiges Rezept. Es ist ein Denkansatz für eine neue Haltung in der Außenpolitik. Deutschland braucht diese Debatte – jetzt.
Diskussionsfragen:
- Für Praktiker: Wie sieht solidarische Geopolitik in konkreten Projekten aus? Wo hakt es in der Umsetzung?
- Für Strategen: Wie lassen sich europäische Interessen mit partnerschaftlichem Handeln vereinen?
- Für alle: Wie vermeiden wir neuen Paternalismus? Was bedeutet echte Verständigung?
Die klassische Geopolitik wird bleiben. Aber sie reicht nicht aus. Nicht für eine Welt voller Krisen, nicht für ein Deutschland mit Verantwortung, nicht für Partner, die mehr sind als Spielsteine.
Solidarische Geopolitik ist der Versuch, neue Spielregeln zu schreiben. Dafür braucht es viele Stimmen, kritische Rückfragen und die Bereitschaft, umzudenken.
Die Debatte ist eröffnet: Welchen Kurs sollte Deutschland einschlagen? Wo liegen die Stolpersteine?
Literatur
- https://www.herder.de/staatslexikon/artikel/geopolitik/
- https://www.idos-research.de/policy-brief/article/geopolitik-globaler-sueden-und-entwicklungspolitik-1/
- https://www.ipg-journal.de/kolumne/artikel/die-falle-der-geopolitik-1149/
- https://wissenschaft-und-frieden.de/artikel/was-ist-geopolitik-ein-streifzug/
- https://www.wko.at/oe/news/2025-3-5-analyse-geopolitik.pdf
- https://www.mpg.de/18575012/urspruenge-internationale-solidaritaet
- https://de.wikipedia.org/wiki/Geopolitik
- https://www.giga-hamburg.de/de/publikationen/giga-focus/geopolitik-in-den-internationalen-beziehungen
- https://internationalepolitik.de/de/die-rueckkehr-der-geopolitik
- https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/30477/geopolitik-annaeherung-an-ein-schwieriges-konzept/
- https://www.ifo.de/DocDL/sd-2025-02-geopolitische-risiken-deutschland-europa.pdf
- https://www.swp-berlin.org/10.18449/2023A63v02/
- https://www.die-linke.de/fileadmin/1_Partei/zusammenschl%C3%BCsse/bag_linke_christen/micha.links/2025_2_micha.links_internationales.pdf
- https://www.youtube.com/watch?v=ts65qzEErgs
- https://taz.de/Fuer-die-solidarische-Globalisierung/!1149976/
- https://publishup.uni-potsdam.de/opus4-ubp/files/5525/wtp20.pdf
- https://jungle.world/artikel/2023/05/solidaritaet-statt-geopolitik
- https://taz.de/Ende-der-liberalen-Weltordnung/!6081822/
- https://matriforum.com/uploads/veranstaltungen/GlobaleSolidarit%C3%A4t_AlexanderBehr.pdf
Der Autor ist Politikberater mit Fokus auf nachhaltige Entwicklung, internationale Zusammenarbeit und strategisches Policy Design. Dieser Text beruht auf aktuellen Debatten in der deutschen Entwicklungs- und Geopolitikforschung. Dieser Text wurde durch KI unterstützt.