Regenwaldschutz wirkt – aber nur, wenn Rechte, Politik und Finanzströme zusammenpassen. Die gute Nachricht: Wir wissen heute ziemlich genau, welche Ansätze Entwaldung bremsen – und welche eher gut gemeinte Kulisse bleiben. Für Entwicklungszusammenarbeit, Wirkungsevaluierung und nachhaltige Finanzpolitik ist das hoch relevant – und damit auch für die Debatten, die wir hier führen. Der Beitrag „Good news for the rainforest in 2025“ der Rainforest Foundation Norway (RFN) illustriert das mit konkreten Beispielen, die wir hier diskutieren.
Was nachweislich wirkt
Ein Blick in die aktuelle Forschung zeigt, dass formalisierte Landrechte für indigene Gemeinschaften zu den wirksamsten Instrumenten gegen Entwaldung gehören – sie senken Entwaldungsraten und fördern Wiederbewaldung deutlich stärker als viele klassische Schutzgebiete. (Beispielhaft etwa in Studien zu kollektiven Landrechten in der brasilianischen Amazonasregion, z.B. PNAS 2020 und andere Metastudien.)
Beispiele für erprobte gute Praktiken sind:
- In Kolumbien wurden Schritte vereinbart, um indigene Governance in 40% des kolumbianischen Amazonas zu stärken – ein massiver Zugewinn an Mitsprache und Kontrolle über Nutzungsentscheidungen in einem zentralen Entwaldungs-Hotspot.
- In Brasilien hat die Regierung vier neue indigene Territorien anerkannt, zusammen 25.000 km², in etwa die Fläche Nordmazedoniens; das größte davon, Kaxuyana‑Tunayana, umfasst allein 22.000 km².
- In der Demokratischen Republik Kongo fließen über den Community Fund for Forests erstmals gezielt Mittel direkt an 11 Waldgemeinschaften mit knapp 25.000 Menschen, um Monitoring, nachhaltige Waldwirtschaft und Rechtspositionen zu stärken.
- Norwegen stellt bis 2030 rund 2,2 Mrd. NOK für indigene Rechte und Waldschutz bereit – ein Beispiel für langfristige, planbare Finanzierung statt kurzfristiger Projektflicken.
- Mit der „Belém Investor Statement on Rainforests“ bündelt RFN 51 Investor:innen mit zusammen 4,6 Billionen US‑Dollar, die starke, durchsetzbare Anti‑Entwaldungspolitiken einfordern.
Sie stehen im Einklang mit einer wachsenden Zahl von Studien, die zeigen, dass indigene Territorien mit gesicherten Rechten oft bessere Schutzwirkung entfalten als klassische Nationalparks, solange Governance und Ressourcen stimmen.
Was wirkungslos oder schädlich ist
Demgegenüber wirken reine „Papier‑Schutzgebiete“ ohne klare Rechte und Mittel häufig nur symbolisch. Linien auf der Karte helfen wenig, wenn Landkonflikte ungelöst bleiben, Straflosigkeit herrscht und Behörden strukturell unterfinanziert sind.
Ebenso verpuffen viele kurzlaufende Projekte – Aufforstung, „klimafreundliche“ Wertschöpfungsketten, Community‑Monitoring – wenn gleichzeitig die strukturellen Treiber unangetastet bleiben: Exportorientierte Agrarpolitik, fossile und metallische Rohstoffförderung, Infrastruktur-Offensiven. Der Wald wird dann an anderer Stelle vernichtet („Leakage“), während Projektberichte trotzdem Erfolge vermelden.
Ein kritischer Blick gilt auch freiwilligen Selbstverpflichtungen großer Konzerne. Null‑Entwaldungs‑Versprechen im Rohstoffhandel oder in Lieferketten sind ohne verpflichtende Regulierung, Transparenz und Haftung oft wenig mehr als PR. Genau deshalb wächst der Druck aus der Finanzwelt, solche Versprechen mit klaren Kriterien, Übergangsplänen und Ausschlussmechanismen zu hinterlegen – eine Dynamik, die RFN mit Initiativen wie der Belém‑Erklärung gezielt verstärkt.
RFN beschreibt zudem, wie der norwegische Staatsfonds und Institutionen wie Storebrand Asset Management Bergbauunternehmen im Amazonasraum und in Indonesien unter Druck setzen: In einem Fall wird der Dialog verschärft, im anderen erfolgt der Ausschluss aus dem Portfolio.
Sie machen deutlich: Investitionen ohne robuste Umwelt- und Menschenrechtsstandards bleiben ein Treiber von Entwaldung und Konflikten – und erst massiver Druck von Investor:innen beginnt, das Geschäftsmodell zu verändern.
Lektionen aus den „Good news for the rainforest 2025“
Der RFN‑Beitrag ist mehr als eine Good‑News‑Liste. Er bündelt Erfolgsfaktoren, die sich auch aus Evaluierungen und Wirkungsforschung ableiten lassen:
- Territoriale Rechte plus lokale Governance: Kolumbien, Brasilien und Indonesien zeigen, dass formale Anerkennung indigener Territorien nur dann wirkt, wenn sie mit lokaler Selbstverwaltung, institutioneller Stärkung und rechtlicher Beratung kombiniert wird. RFN arbeitet hier mit Partnerorganisationen wie HUMA in Indonesien zusammen.
- Politfenster nutzen: COP30 in Belém wird strategisch als Moment genutzt, um Verpflichtungen auf 160 Mio. Hektar traditioneller Territorien bis 2030 und eine Verlängerung der 1,8‑Mrd.-US‑Dollar‑Zusagen für indigene landrechte zu verankern. So werden multilaterale Prozesse mit konkreten, messbaren Landrechten verbunden.
- Finanzsektor als Hebel: Investorenstatements, Ausschlüsse und Engagementprozesse senden klare Signale an Politik und Unternehmen – von der Kritik an Ölprojekten im peruanischen Block 64 bis hin zu Nickelabbau in Indonesien.
- Multi‑Skalen‑Ansatz: RFN verbindet lokale Fonds, nationale Reformen und globale Politprozesse. Das ist genau der skalierende Rahmen, den Evaluator:innen in der Entwicklungszusammenarbeit seit Jahren einfordern: kohärente Interventionen auf mehreren Ebenen statt isolierter Pilotprojekte.
Alle genannten Beispiele und Zahlen sind direkt im RFN‑Artikel nachzulesen.
Für uns ist das spannend, weil hier klassische Themen der Wirkungsanalyse mit realen Policy‑Fenstern (COP‑Prozesse, Investorenkampagnen, nationale Reformen) zusammenlaufen.
Was noch fehlt, damit es wirklich skaliert
Trotz aller positiven Signale bleibt der strukturelle Rahmen problematisch:
- Globale Lieferketten sind weiterhin auf billige Agrarrohstoffe, Metalle und Energie aus Waldgebieten gebaut. Ohne konsequente entwaldungsfreie Handelsregeln und deren Durchsetzung bleiben viele „Erfolge“ lokal begrenzt.
- Öffentliche und private Finanzströme fließen in weitaus größerem Umfang in fossile, agroindustrielle und extraktive Geschäftsmodelle als in indigene Organisationen, Rechteprogramme oder lokale Fonds wie den Community Fund for Forests.
- Die globale Klimafinanzarchitektur ist für viele indigene Organisationen praktisch unzugänglich – hohe administrative Hürden, komplizierte Akkreditierungen, geringe Flexibilität. Initiativen wie die von RFN beschriebenen Fonds sind Versuche, diese Lücke zu schließen, aber sie stehen noch am Anfang.
Kurz gesagt: Rechte, Ressourcen und Regulierung müssen in der Breite zusammengebracht werden – nicht nur in Leuchtturmprojekten. Der RFN‑Beitrag liefert dafür eine Art „Proof of concept“ auf verschiedenen Kontinenten.
Einordnung für deutsche und europäische Debatten
Für die Debatte lassen sich mehrere Linien ziehen:
- Entwicklungspolitik sollte systematisch in Landrechte, Rechtsstaatlichkeit und lokale Institutionen investieren – und Projekte daran messen, ob sie indigene und lokale Gemeinschaften langfristig stärken, nicht nur kurzfristig Aufforstungszahlen liefern.
- Europäische Regulierung (z.B. Entwaldungsverordnung, Sustainable Finance) kann Initiativen wie die Belém‑Investorenerklärung verstärken, indem sie klare Mindeststandards setzt und Greenwashing erschwert.
- Außen‑, Klima‑ und Handelspolitik sollten Partnerschaften mit Brasilien, Kolumbien, Indonesien und der DR Kongo an Fortschritte bei Landrechten, Transparenz und Beteiligung knüpfen – statt nur Lieferverträge und Rohstoffzugänge abzusichern.
Regenwaldschutz wirkt, wenn Macht‑ und Eigentumsverhältnisse sich ändern – nicht, wenn wir nur Bäume zählen und Projektlogos sammeln. Der Artikel „Good news for the rainforest in 2025“ liefert dazu reichlich Anschauungsmaterial und einen seltenen Fokus auf das, was tatsächlich funktioniert:
https://www.regnskog.no/en/news/good-news-for-the-rainforest-2025