Resiliente Finanzierung dualer Berufsbildung in informellen Ökonomien

Erkenntnisse aus dem 4. DC dVET BarCamp

Am 24. Februar 2026 versammelten sich Praktiker, Politikverantwortliche, Forscher und Entwicklungspartner beim 4. BarCamp von DC dVET und der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), um eine zentrale Frage zu diskutieren: Wie lassen sich resiliente und nachhaltige Finanzierungsmodelle für duale Berufsbildung in informellen Ökonomien entwickeln? Die Veranstaltung brachte internationale Expertise mit Erfahrungswissen zusammen – ein Format, das in der Entwicklungszusammenarbeit zunehmend an Bedeutung gewinnt.

Das Kernproblem: Wer zahlt für Ausbildung?

Viele Länder verlassen sich nach wie vor fast ausschließlich auf Familien und den öffentlichen Sektor zur Finanzierung formaler Berufsbildung. Kleinstunternehmen, Klein- und Mittelunternehmen (KMU) – gerade in informellen Wirtschaften – fehlen schlicht die Ressourcen, um in Ausbildung zu investieren. Diese strukturelle Lücke ist nicht neu, aber ihre Konsequenzen sind gravierend: Jugendliche ohne anerkannte Qualifikationen, Unternehmen ohne qualifizierte Arbeitskräfte und Volkswirtschaften ohne wettbewerbsfähige Humanressourcen.

Das BarCamp stellte den Finanzierungsbegriff selbst in Frage. Wie auf LinkedIn dokumentiert, wird Finanzierung im TVET-Kontext oft zu eng gefasst – als bloße Kostenfrage – und übersieht strukturelle Anreize, geteilte Verantwortung und indirekte Hebel.

Keynote: Salim Akoojee und Patrick Werquin

Den konzeptionellen Rahmen setzten Salim Akoojee (UNESCO-UNEVOC) und Patrick Werquin, international anerkannte Experten für berufliche Bildung. Akoojee, dessen Forschungsarbeit sich auf afrikanische Lehrlingssysteme und die Verbindung zwischen informellen und formalen Ausbildungssystemen konzentriert, machte deutlich: Informelle Lehrlingsausbildung ist kein Übergangsphänomen, sondern eine strukturelle Realität in vielen Entwicklungskontexten – und muss als solche finanzierungspolitisch ernst genommen werden.

Die Keynote-Impulse legten nahe, dass innovative Ansätze nicht zwangsläufig mehr öffentliches Geld erfordern, sondern vor allem clevere Kombinationen bestehender Instrumente.

Drei Finanzierungsansätze im Fokus

Die interaktiven Breakout-Sessions strukturierten die Debatte entlang von drei zentralen Finanzierungslogiken:

  1. Nachfrageseitige Finanzierung
    Voucher-Systeme, individuelle Lernkonten und leistungsabhängige Zuschüsse für Auszubildende und Unternehmen stärken die Nachfrage nach qualitativ hochwertiger Ausbildung. Dieser Ansatz verschiebt Entscheidungsmacht hin zu den Lernenden – ein wichtiges Signal in informellen Märkten, wo Vertrauen in staatliche Institutionen oft begrenzt ist.
  2. Angebotsseitige Finanzierung
    Direkte Förderung von Ausbildungsbetrieben und Bildungseinrichtungen – etwa durch Subventionen, Steuererleichterungen oder Lohnkostenzuschüsse – bleibt ein klassisches Instrument. Entscheidend ist aber, dass solche Förderungen an Qualitätskriterien geknüpft werden, um Mitnahmeeffekte zu vermeiden.
  3. Indirekte Finanzierung über Intermediäre
    Branchenverbände, Handwerkskammern oder Community-basierte Organisationen als Mittler zwischen Staat, Unternehmen und Lernenden – das ist möglicherweise das innovativste Element der Diskussion. In informellen Märkten fehlen oft die institutionellen Voraussetzungen für direkte staatliche Transfers; Intermediäre können diese Lücke schließen und gleichzeitig Qualitätssicherung gewährleisten.

Public-Private Partnerships: Mehr als Kostenteilung

Ein zentrales Diskussionsthema war die Weiterentwicklung öffentlich-privater Partnerschaften (PPP) in der beruflichen Bildung. Die bisherige Erfahrung in der Entwicklungszusammenarbeit zeigt: PPP-Modelle funktionieren dort, wo Unternehmen einen klaren wirtschaftlichen Nutzen erkennen, also wenn die Ausbildung direkt zum betrieblichen Bedarf passt und langfristige Perspektiven für die Übernahme von Absolventen bestehen.

Die BarCamp-Diskussionen deuteten auf eine Weiterentwicklung dieses Verständnisses hin: Nachhaltige PPP erfordern institutionalisierte Dialogstrukturen, verbindliche Beitragsmodelle und (besonders in informellen Kontexten) Flexibilität bei der Anpassung formaler Anforderungen an betriebliche Realitäten.

Politische Schlussfolgerungen

Für wirtschaftspolitische Entscheidungsträger und Akteure in der Entwicklungszusammenarbeit lassen sich aus dem BarCamp folgende Handlungsempfehlungen ableiten:

  • Finanzierungsmix statt Einheitslösung: Kein einzelnes Modell funktioniert universell. Resiliente Systeme kombinieren nachfrage- und angebotsseitige Instrumente mit indirekten Mechanismen kontextspezifisch angepasst.
  • Informelle Wirtschaft als Ausgangspunkt, nicht als Problem: Informelle Lehrlingssysteme haben eine eigene Logik und Qualität. Förderansätze müssen an vorhandene Strukturen anknüpfen, statt sie zu ersetzen.
  • Intermediäre stärken: Branchenverbände und Kammern in Entwicklungsländern brauchen gezielten Kapazitätsaufbau, um als verlässliche Finanzierungsmittler zu fungieren.
  • Qualität als Bedingung: Finanzielle Anreize ohne Qualitätssicherung riskieren eine Ausweitung von Quantität auf Kosten von Relevanz. Monitoring und Evaluation müssen von Beginn an mitgedacht werden.
  • ILO-R208 als Referenzrahmen: Die ILO-Empfehlung 208 zu Übergängen von der informellen zur formalen Wirtschaft bietet den normativen Rahmen für eine Verknüpfung von Informalität und beruflicher Bildung.

Einordnung: Warum das Thema jetzt dringend ist

Der globale Kontext verleiht dieser Debatte besondere Dringlichkeit. Zwei Drittel aller Beschäftigten weltweit arbeiten im informellen Sektor – in Subsahara-Afrika und Südasien teilweise über 80 Prozent. Gleichzeitig erfordert die grüne und digitale Transformation neue Qualifikationen, die ohne zugängliche und finanzierbare Ausbildungswege für große Teile der Bevölkerung unerreichbar bleiben.

Das 4. BarCamp von DC dVET und ILO hat keine fertigen Antworten geliefert, aber es hat die richtigen Fragen präzisiert und praxisnahe Ansätze identifiziert, die in der Entwicklungszusammenarbeit weiterverfolgt werden sollten. Die vollständige Dokumentation mit Keynote-Video und Breakout-Ergebnissen ist auf der DC dVET-Website verfügbar.

Das DC dVET (Donor Committee for dual Vocational Education and Training) ist ein 2015 von Deutschland, Österreich, der Schweiz und Liechtenstein gegründetes Geberkomitee, das als internationaler Wissens- und Vernetzungshub die Integration dualer Berufsbildungsansätze in der Entwicklungszusammenarbeit fördert.
Weitere Informationen und Dokumentation:
dcdualvet.org | Kontakt: coordination@dcdualvet.org

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