Feministische Innovation im Evaluationsalltag: Sechs neue Werkzeuge, die sich sofort nutzen lassen

Die Feminist Innovation in Monitoring and Evaluation (FIME) Awards sind ein Förderprogramm, mit dem die Global Evaluation Initiative und EvalGender+ innovative, feministische Evaluationswerkzeuge junger und aufstrebender Evaluatorinnen und Evaluatoren aus dem Globalen Süden auszeichnen und weiterentwickeln. Hier ist mein Bericht von der Präsentation der ausgezeichneten Tools heute.

On International Women’s Day, GEI proudly presents six innovations developed by the Feminist Innovation in Monitoring and Evaluation (FIME) awardees. The tools aim to advance gender equality and social justice through monitoring and evaluation.

Warum diese sechs Toolkits für die Praxis spannend sind

Die FIME‑Awards 2026 haben keine abstrakten Konzepte hervorgebracht, sondern sehr konkrete Werkzeuge entlang des gesamten Evaluationszyklus – von der Projektidee über Datenerhebung und Wirkungsbewertung bis hin zur Aus‑ und Weiterbildung von Evaluator:innen. Sie wurden in realen Kontexten entwickelt (Krise, Umsiedlung, Genderpolitik, zivilgesellschaftliche Projekte, Impact Investing, Trainingssysteme) und reagieren genau auf Lücken, die viele von uns aus der Praxis kennen: „Was Frauen wichtig ist, taucht in unseren Logframes nicht auf.“

Alle sechs Toolkits sind frei über betterevaluation.org zugänglich; dort finden sich Handbücher, Beispiele und Downloads für die eigene Anwendung.

  1. Toolkit zur Stärkung von Genderpolitik (Ecuador)

Dieses Toolkit unterstützt Ministerien, Verwaltungen und andere öffentliche Institutionen dabei, Genderpolitik systematisch zu diagnostizieren, Indikatoren zu entwickeln und Wirkungen zu bewerten. Es verbindet logische Rahmen, Wirkungsmodelle und qualitative Methoden mit einem explizit feministischen, intersektionalen Blick auf „wer bleibt zurück“.

Typische Anwendungssituationen

  • Ex‑ante: Gender‑Impact‑Assessment für neue Strategien, Programme oder Gesetzesinitiativen.
  • Mid‑term: Überprüfung von Gender‑Maßnahmen innerhalb sektoraler Politiken (z.  Arbeit, Bildung, Stadtentwicklung).
  • Ex‑post: Bewertung, ob Gender‑Politiken tatsächlich zu Veränderungen in Macht‑, Ressourcen‑ und Normenstrukturen geführt haben.

Stufe im Evaluationsprozess

  • Auftragsklärung und Design: gender‑transformative Theory of Change, Evaluationsfragen, Indikatoren.
  • Datensammlung und Analyse: Integration von Verwaltungsdaten, Umfragen, qualitativen Verfahren, Policy‑ und Budget‑
  • Nutzung: Ableitung von Empfehlungen zur Anpassung von Programmen und institutionellen Arrangements.

Daten und StakeholderBedarfe

  • Verwaltungs‑ und Monitoringdaten zu Programmen, Budgets, Personal, Zielgruppen.
  • Geschlechter‑ und diversitätsdisaggregierte Daten (Alter, Region, Ethnizität etc.).
  • Beteiligung von politischen Entscheidungsträger:innen, Fachabteilungen, Gleichstellungsstellen sowie CSOs und betroffenen Gruppen.
  1. Phoenix Metric: Gender Social Return on Investment (GSROI)

Die Phoenix Metric ist ein feministisches SROI‑Framework, das soziale Rendite so neu denkt, dass im Zentrum endlich das steht, was Frauen und marginalisierte Gruppen als Transformation beschreiben: Entscheidungs‑ und Handlungsmacht, Sicherheit, Care‑Lasten, Solidarität, intergenerationale Effekte.

Das Framework kombiniert fünf strukturierte Indizes (u. a. Haushalts‑Entscheidungsindex, Sicherheits‑Index, Care‑Burden‑Index, Business‑Autonomy‑Score, Community‑Agency‑Score) mit narrativen Bewertungsmaßstäben.

Typische Anwendungssituationen

  • Summative Evaluation von Programmen mit klaren Investitionsgrößen: Frauen‑Empowerment, inklusiver Privatsektor, Impact‑Investing‑Vehikel, Gender‑Lens‑
  • Portfolio‑Vergleiche: Wo erzeugen Programme den höchsten „gender‑transformative return“ pro eingesetzter Ressource.
  • Strategische Wirkungskommunikation gegenüber Ministerien, Parlamenten, Fonds oder philanthropischen Gebern.

Stufe im Evaluationsprozess

  • Design: Ergänzung klassischer Logframes durch feministische Wirkdimensionen und Indizes.
  • Datenerhebung: strukturierte Indikatorensets plus partizipative Story‑Circles und Proxy‑Entwicklung mit Communities.
  • Analyse: Berechnung eines G‑SROI‑Verhältnisses, Sensitivitätsanalysen, Diskussion mit Stakeholdern.

Daten und StakeholderBedarfe

  • Finanzdaten zu Investitionen und laufenden Kosten.
  • Primärdaten zu Agency, Sicherheit, Care‑Lasten, Kollektivhandeln, Zukunftsvorstellungen von Frauen und Mädchen.
  • Intensive Partizipation: Frauen als Co‑Produzentinnen von Indikatoren und Narrativen, nicht nur als Befragte.
  1. Feminist Evaluation Toolkit für Krisenkontexte

Das Toolkit „From Insights to Action“ bündelt Erfahrungen aus 17 feministischen Evaluationen in humanitären Notlagen und fragilen Kontexten. Es schließt die Lücke zwischen feministischer Evaluations‑Theorie und der harten Realität von Konflikt, Vertreibung, Epidemien und Naturkatastrophen.

Typische Anwendungssituationen

  • Real‑Time‑ und Mid‑Term‑Evaluation von humanitären Programmen (Cash‑Transfers, Schutz, WASH, SRHR, GBV‑Prävention).
  • Lernen aus komplexen Mehrphasen‑Krisen, in denen Gender‑Dynamiken sich schnell verändern.
  • Design von Crisis‑MEL‑Systemen, die Sicherheitsrisiken, Traumata und Machtverhältnisse ernst nehmen.

Stufe im Evaluationsprozess

  • Planung: Risiko‑ und Ethics‑Assessment, feministische Evaluationsfragen, Auswahl sicherer und sensibler Zugänge zu Zielgruppen.
  • Methoden: angepasste qualitative und partizipative Verfahren wie Most Significant Change, Outcome Harvesting, sichere digitale Formate.
  • Analyse, Reflexion, Dissemination: intersectionale Analysen, Co‑Interpretation mit Betroffenen, Schutz sensibler Informationen.

Daten und StakeholderBedarfe

  • Kontext‑ und Konfliktanalysen, GBV‑Risikoanalysen, humanitäre Sekundä
  • Zugang zu Frauen, Mädchen und marginalisierten Gruppen über vertrauenswürdige lokale Partner; besondere Regeln zu Do‑No‑Harm, Einwilligung und Sicherheit.
  • Einbindung von UN‑Organisationen, NGOs, staatlichen Krisenstrukturen und lokalen Frauenrechtsorganisationen in die Co‑Produktion von Wissen.
  1. Partizipatives M&EToolkit für die Umsiedlung von MaasaiFrauen

Dieses Toolkit übersetzt feministische Prinzipien in ein sehr spezifisches Feld: Umsiedlungs‑ und Vertreibungsprozesse, wie sie Maasai‑Gemeinschaften in Tansania erleben. Es reagiert auf die Lücke, dass konventionelle Umsiedlungs‑Evaluation vor allem auf sichtbare Outputs wie Häuser, Infrastruktur und Kompensation schaut, nicht auf Macht, Agency, kulturelle Praktiken oder langfristige Lebensgrundlagen.

Typische Anwendungssituationen

  • Evaluierung von Umsiedlungs‑, Wiederansiedlungs‑ oder Landnutzungs‑Programmen, die indigene oder ländliche Communities betreffen.
  • Design von Monitoring‑Systemen für großskalige Infrastruktur‑, Naturschutz‑ oder Rohstoffprojekte mit Umsiedlungskomponenten.
  • Begleitforschung zu Verhandlungsmacht, Entscheidungsprozessen und Geschlechterrollen in Relocation‑

Stufe im Evaluationsprozess

  • Planung und Design: Gemeinsame Entwicklung von Evaluationskriterien mit Frauen und Gemeinschaftsvertretungen; Klarstellung, „wer entscheidet was“.
  • Datenerhebung: qualitative, partizipative Werkzeuge, die Frauenstimmen, Subjektivität und Agency sichtbar machen (z. B. Community‑Mapping, Timeline‑Analysen, kollektive Reflexion).
  • Analyse und Nutzung: gemeinsame Auswertung, Feedback in Gemeindeversammlungen, Anpassung von Programmen und Schutzmechanismen.

Daten und StakeholderBedarfe

  • Basisdaten vor Umsiedlung (Lebensgrundlagen, Zugang zu Land, Care‑Arrangements, kulturelle Praktiken) und Verlaufsdaten nach Umsiedlung.
  • Tiefe qualitative Informationen zu Erfahrungen, Verletzungen, Aushandlung, Widerstand und neuen Chancen von Frauen.
  • Einbindung von indigenen Frauen, traditionellen Autoritäten, staatlichen Stellen, Projektträgern und zivilgesellschaftlichen Organisationen.
  1. Adaptive Toolkit for Living Projects (Kirgistan / Zentralasien)

Das „Living Projects“‑Toolkit ist bewusst als Starter‑Kit für zivilgesellschaftliche Organisationen gedacht, die Monitoring und Evaluation als lebendigen, gemeinschaftsgetragenen Lernprozess verstehen möchten. Es kombiniert Menschenrechts‑, dekoloniale und feministische Perspektiven mit sehr zugänglichen Übungen, die Projektlogiken flexibilisieren und lokale Stärken statt Defizite in den Mittelpunkt rücken.

Typische Anwendungssituationen

  • Projektentwicklung und Theory‑of‑Change‑Arbeit in NGOs, Grassroots‑Initiativen, Bewegungsorganisationen.
  • Laufendes, begleitendes Monitoring, das Programme iterativ an sich wandelnde Bedürfnisse von Frauen und Mädchen anpasst.
  • Qualitative Ergänzung formaler Evaluierungen, insbesondere dort, wo keine spezialisierten M&E‑Teams existieren.

Stufe im Evaluationsprozess

  • Co‑Design: gemeinsame Zielfindung, Macht‑ und Kontextanalyse, Identifikation lokaler Ressourcen und Stärken.
  • Monitoring: zyklischer Projektzyklus mit fünf flexiblen Schritten; die Werkzeuge können immer wieder aufgegriffen, angepasst und vertieft werden.
  • Evaluation: Nutzung der qualitativ erzeugten Einsichten (z. B. „other questions“, automatisches Schreiben, Eisberg‑Analysen) als Datengrundlage und Reflexionsmaterial.

Daten und StakeholderBedarfe

  • Vor allem qualitative, erfahrungsbasierte Informationen aus Teams, Zielgruppen und Communities.
  • Aktive Einbeziehung der Begünstigten in Reflexions‑Sessions, Co‑Interpretation und Entscheidungsprozesse.
  • Offenheit in der Organisation, starre Projektlogiken zugunsten eines lernorientierten, relationalen Ansatzes zu hinterfragen.
  1. Holistic Transformative Evaluator Framework (AsienPazifik)

Dieses Rahmenwerk verlagert den Fokus von „Was ist ein gutes Evaluationsdesign?“ hin zu „Welche Kompetenzen brauchen Evaluator:innen, um gender‑transformativ zu arbeiten?“. Es analysiert bestehende Trainingsangebote und identifiziert wesentliche Lücken – etwa die Dominanz technischer und quantitativer Fähigkeiten bei gleichzeitiger Vernachlässigung von Reflexivität, Kontextsensibilität, kognitiver Pluralität und innerer Arbeit.

Das Ergebnis sind fünf Kompetenzcluster (politisch, sozial, kontextuell, methodologisch‑komplex, innerlich) und ein pädagogisches Design mit konkreten Lernformaten (z. B. Meta‑Concept‑Workshops, Co‑Design‑Module, simulationsbasierte Übungen, ethische Rollenspiele).

Typische Anwendungssituationen

  • Überarbeitung von Curricula in Evaluations‑Trainingszentren, Universitäten, nationalen Evaluierungsnetzwerken.
  • Design von In‑House‑Fortbildungen für M&E‑Einheiten in Ministerien, multilateralen Organisationen oder NGOs.
  • Assessment bestehender Kurse, um Lücken in Bezug auf Gender‑Transformativität, Dekolonisierung und Lokalität sichtbar zu machen.

Stufe im Evaluationsprozess

  • „Upstream“ vor konkreten Evaluationen: Stärkung von Kompetenzen, Haltungen und Methodenrepertoires, die jede nachfolgende Evaluation prägen.
  • Reflexion nach Evaluierungen: Nutzung des Frameworks als Spiegel für das eigene Handeln und als Grundlage für Lernpläne.

Daten und StakeholderBedarfe

  • Informationen über bestehende Trainingsangebote, Lernziele, Curricula, Lehrmethoden in der Region.
  • Input von Evaluator:innen, Trainer:innen, Auftraggeber:innen zu Kompetenzbedarfen und erlebten Lücken.
  • Beteiligung von Berufsverbänden, Universitäten und Entwicklungsorganisationen für eine systemische Verankerung.

Übersichtstabelle: Welches Toolkit für welche Aufgabe?

Toolkit / Produkt Primäre Einsatzsituation Stufe im Evaluationsprozess Zentrale Datentypen Schlüssel‑Stakeholder Praktischer Mehrwert
Toolkit zur Stärkung von Genderpolitik (Ecuador) Gender‑Politiken und ‑Programme in Ministerien, Verwaltungen Design, Mid‑term, Ex‑post; Policy‑ und System‑Evaluation Verwaltungs‑ und Monitoringdaten, disaggregierte Outcome‑Daten, qualitative Politik‑ und Budgetinformationen Ministerien, Fachabteilungen, Gleichstellungsstellen, CSOs, betroffene Gruppen Hilft, Gender in öffentlichen Politiken systematisch zu verankern und Wirkungen sichtbar zu machen
Phoenix Metric – G‑SROI Programme und Investitionen mit expliziten Gender‑Zielen, Impact‑Investing Vor allem summative Wirkungsbewertung; ergänzend im Design Finanzdaten, strukturierte Indizes zu Agency, Sicherheit, Care, Kollektivhandeln, narrative Evidenz Evaluator:innen, Programm‑Teams, Impact‑Investoren, Ministerien, Geber Übersetzt feministische Wirkungen in ein SROI‑kompatibles, kommunizierbares Kennzahlensystem
Feminist Evaluation Toolkit für Krisenkontexte Humanitäre Hilfe, fragile Kontexte, Konflikt‑ und Katastrophensettings Design, Durchführung, Analyse und Nutzung von Krisen‑Evaluationen Kontext‑, GBV‑ und Krisendaten, qualitative und partizipative Primärdaten, Sicherheits‑ und Risikoanalysen UN‑Organisationen, NGOs, staatliche Krisenstrukturen, lokale Frauenrechtsorganisationen, Communities Bietet praxiserprobte, sichere und feministische Methoden für Evaluation unter hoher Unsicherheit
Partizipatives M&E‑Toolkit für Umsiedlung von Maasai‑Frauen Umsiedlungs‑, Vertreibungs‑, Landnutzungs‑ und Infrastrukturprojekte mit indigenen Communities Planung, Datenerhebung, Analyse, Nutzung in Relocation‑Evaluationen Basis‑ und Verlaufsdaten zu Lebensgrundlagen, Land, Care, kulturellen Praktiken, qualitative Community‑Daten Indigene Frauen, Community‑Leader, Behörden, Projektträger, NGOs Macht Frauenstimmen und Machtverhältnisse in Relocation‑Prozessen sichtbar und veränderbar
Adaptive Toolkit for Living Projects (Zentralasien) Zivilgesellschaftliche Projekte, Grassroots‑Initiativen, lokale CSOs ohne große M&E‑Kapazitäten Projektdesign, laufendes Monitoring, qualitative Evaluation Qualitative Erfahrungs‑ und Reflexionsdaten aus Teams und Communities Programmteams, lokale Aktivist:innen, Begünstigte, M&E‑Fachleute als Facilitators Senkt Einstiegshürden, macht M&E zu einem gemeinschaftlichen Lernprozess, der dekolonial und feministisch ausgerichtet ist
Holistic Transformative Evaluator Framework (Asien‑Pazifik) Evaluator:innen‑Ausbildung, Fortbildung, Curricula‑Entwicklung „Upstream“ vor Evaluationen; Review von Trainings nach Evaluierungen Curricula, Kursbewertungen, Kompetenz‑Selbsteinschätzungen, Feedback von Auftraggeber:innen Trainingszentren, Universitäten, Evaluationsnetzwerke, Entwicklungsorganisationen Liefert einen normativen und praktischen Referenzrahmen für gender‑transformative Evaluator:innen‑Kompetenzen

Alle Ressourcen sind im Detail auf betterevaluation.org beschrieben und meist mit Download‑Materialien, Blogbeiträgen und Beispielen aus der Praxis hinterlegt.

Wie Sie die Toolkits strategisch in Ihrer Praxis nutzen können

Für Evaluationsprofis, die Gender und soziale Gerechtigkeit nicht als „Querschnittsthema“, sondern als Kern professioneller Qualität betrachten, bieten die sechs Toolkits unterschiedliche Hebel: Policy‑ und Systemebene, Projekt‑ und Communityebene, Wirkungsmetriken sowie Kompetenzentwicklung. Eine praktische Strategie könnte sein, die eigenen Evaluationsportfolios zu „mappen“ und in jedem Feld ein passendes Toolkit zu pilotieren – etwa G‑SROI in einem Investitionsprogramm, das Krisen‑Toolkit in einer humanitären Maßnahme, das Living‑Projects‑Toolkit in der Zusammenarbeit mit einer lokalen Partner‑NGO, und das Holistic Transformative Evaluator Framework für das eigene Team‑Learning.

Wie weit möchtest du im Blogpost auf methodische Details eingehen – eher orientierend für eine breite Fachöffentlichkeit, oder so technisch, dass Kolleg*innen direkt mit Checklisten und Beispielen arbeiten können?


Text und Bild von KI unterstützt.