Lokales Wissen als Schlüssel zur kommunalen Klimaanpassung

(TL;DR) Der Klimawandel ist längst keine abstrakte Zukunftsdrohung mehr. Kommunen stehen weltweit unter wachsendem Druck, konkrete Anpassungsstrategien zu entwickeln. Doch während Milliarden in technische Minderungsmaßnahmen fließen, bleibt eine entscheidende Ressource systematisch ungenutzt: das lokale Wissen, das in Städten und Gemeinden bereits vorhanden ist. Eine neue Studie von Klaus Gierhake zeigt, wie dieser Ansatz die kommunale Klimapolitik grundlegend verändern kann.

Schaubild Lokales Klimawissen

Das Buch: Geographie trifft Politikwissenschaft

Dr. Klaus Gierhake, Forscher am CRELA (Centrum Regionalentwicklung Lateinamerika) der Universität Vigo und assoziiert mit der Justus-Liebig-Universität Gießen, veröffentlichte 2026 die Studie „Lokales Wissen und kommunale Anpassung an den Klimawandel. Geographische und politologische Analysen für eine verbesserte Umsetzung“. Die Open-Access-Publikation ist frei verfügbar über die Universitätsbibliothek Giessen (DOI: 10.22029/jlupub-20723) und baut auf einer früheren Arbeit über den Metropolitandistrikt Quito (Ecuador) auf. Sie erweitert deren Erkenntnisse um zwei zentrale Dimensionen: erstens das lokale Wissen großer Metropolitanregionen und zweitens die soziale Innovation als Prozess der Verknüpfung bestehender Wissenssegmente.

Methodisch basiert die Studie auf angewandter Geographie mit einem schrittweisen qualitativen Forschungsansatz. Dieser bewusste Verzicht auf rein quantitative Verfahren ist programmatisch: Gierhake plädiert für einen Diskurswechsel in der Klimaforschung. Nicht jede Erkenntnis muss statistisch abgesichert sein. Teilergebnisse mit klar begründetem Untersuchungsrahmen gewinnen erheblich an Wert, wenn sie auf andere Kontexte übertragbar gemacht werden.

Das Problem: Adaptation bleibt zurück

Die internationale Klimakonvention hat ein strukturelles Problem, das Gierhake präzise benennt. Auf den jährlichen COP-Konferenzen erzeugt der Präsentationsdruck eine Flut von Einzelprojekten, die technisch und sektoral ausgerichtet sind, aber kaum aufeinander aufbauen. Das Ergebnis: Von COP27 in Ägypten bis COP30 in Belém bleibt die Diagnose erschreckend konstant. Fortschritte bei der Adaptation sind sehr begrenzt, regional höchst ungleich verteilt und stark fragmentiert. Der überwiegende Teil der Klimafinanzierung floss in Mitigationsmaßnahmen; Adaptation wurde stiefmütterlich behandelt und fast ausschließlich mit öffentlichen Mitteln finanziert.

Besonders kritisch: Die institutionell-sozio-politischen Perspektiven bleiben in der Klimadiskussion systematisch unterrepräsentiert. Weder die Rolle von Verwaltungsstrukturen, noch die Bedeutung lokaler Governance-Kulturen, noch die Frage der Diffusion erfolgreicher Ansätze werden auf COP-Ebene wirklich durchdacht. Technokratisch geplante Großprogramme wie 100 Resilient Cities (Rockefeller Foundation) scheiterten in der Praxis genau daran: Parallel zur Lokalverwaltung implementiert, ohne kulturelle Kontexte zu berücksichtigen, ohne Wirkungsmonitoring und ohne das bereits vorhandene lokale Wissen einzubeziehen, hinterließen sie kaum nachhaltige Ergebnisse.

Das Konzept: Lokales Wissen als Innovationskatalysator

Gierhake entwickelt ein erweitertes Verständnis von lokalem Wissen, das weit über indigenes Erfahrungswissen in ländlichen Regionen hinausgeht. Großstädte und Metropolen sind nationale Zentren der Wissensproduktion: Universitäten, Zivilgesellschaft, Verwaltung, Zuwanderer aus verschiedenen Landesteilen mit unterschiedlichen Kulturen und Wissensformen bilden zusammen ein enormes Potenzial.

Lokales Wissen ist die Summe verschiedener Wissenssegmente, von unterschiedlichen Gruppen und Institutionen, in einem gemeinsamen Raum. Das Entscheidende ist dabei nicht das Vorhandensein von Einzelwissen, sondern seine Kombination zu sozialer Innovation. Dieser Gedanke knüpft an die Oslo-Deklaration zur sozialen Innovation an: Selbst ältere, sektoral geprägte Publikationen gewinnen in einem neuen Kontext an Wert, wenn sie mit anderen Wissenssegmenten verbunden werden. Konkret bedeutet das: Planungsdokumente, Sektorstudien, Verwaltungserfahrungen und zivilgesellschaftliches Engagement einer Stadt können, gezielt zusammengeführt, eine qualitativ neue Anpassungsstrategie erzeugen.

Das Fallbeispiel: Quito als globaler Impulsgeber

Das Herz der Studie ist der Metropolitandistrikt Quito (Ecuador). Bereits 2010/2012 verabschiedete Quito als eine der ersten Städte Lateinamerikas eine lokale Klimaanpassungsstrategie (MDMQ 2010), gegliedert in vier strategische Achsen und 25 Aktivitätengruppen:

  • Achse 1: Informationsbeschaffung und -strukturierung durch den Metropolitandistrikt
  • Achse 2: Maßnahmen zur Emissionsreduzierung und Adaptation
  • Achse 3: Kommunikation und Bürgerbeteiligung
  • Achse 4: Institutionelle Stärkung der Lokalregierung

Was diese Strategie auszeichnet: Sie begreift Klimaanpassung nicht als technisches Einzelprojekt, sondern als Instrument einer neuen kommunalpolitischen Kultur. Die Lokalregierung tritt als Organisator des öffentlichen Interesses auf, nicht als Manager wirtschaftlicher Effizienz. Partizipation der Bevölkerung und Ausbildung auf Gemeindeebene sind explizite Bestandteile des Konzepts.

Die Forschung zu sozialer Innovation in Quito identifiziert vier Gruppen raumlicher und institutioneller Faktoren, die die Einführung einer Innovation begünstigen: das intellektuelle Kapital der Lokalregierung, die institutionellen Netzwerke der Gemeinde, kreative Territorien auf nicht-wirtschaftlicher Basis sowie das lokale Wissen der Bevölkerung insgesamt. Diese Faktoren sind unmittelbar auf kommunale Klimaanpassung übertragbar.

Bemerkenswert ist zudem die internationale Diffusion: Obwohl die Strategie unter der Folgeregierung nicht implementiert wurde, haben Akteure wie die amerikanische Plattform Academia und die Hamburger Nachhaltigkeitsplattform die Forschungsergebnisse eigeninitiativ aufgegriffen und verbreitet. Wissen gewinnt durch Diffusion an Wert.

Ecuador national: Ein progressiver Rahmen

Ergänzt wird die Quito-Analyse durch die Nationale Anpassungsstrategie Ecuadors, die Gierhake als bemerkenswert fortschrittlich einordnet. Erstmals formuliert ein nationales Planungsdokument explizit:

  • Die Notwendigkeit einer multidisziplinären, alle Fachbereiche umfassenden Klimaforschung
  • Eine detaillierte Auflistung direkter und indirekter institutioneller Akteure
  • Die Identifikation von Barrieren bei der Strategieumsetzung
  • Strategien für Diffusion und Anwendung wissenschaftlicher Ergebnisse

Paradoxerweise nimmt die nationale Strategie keinen Bezug auf die kommunale Strategie Quitos, obwohl beide Dokumente sich inhaltlich hervorragend ergänzen würden. Dieses „unverbundene lokale Wissen“ ist für Gierhake selbst ein Schlüsselbefund: Es existiert, aber es bleibt fragmentiert.

Nützlichkeit für kommunale Klimaanpassung: Konkrete Schlussfolgerungen

Was bedeutet das für Kommunen in Deutschland und Europa? Die Studie liefert einen praxisorientierten Rahmen, der sich auf verschiedene Ebenen kommunalen Handelns anwenden lässt.

  1. Wissensmanagement vor Investitionen. Kommunen müssen nicht bei null anfangen. Planungsdokumente, Sektorstudien aus Umwelt-, Sozial- und Wirtschaftsressorts, Erfahrungen aus Bürgerbeteiligungsverfahren und Hochschulforschung bilden bereits ein Wissensmosaik. Der erste Schritt ist Inventur und Vernetzung, nicht die Beauftragung neuer Gutachten.
  2. Adaptation ist günstiger als erwartet. Die Quito-Strategie zeigt, dass eine konzeptionell hochwertige lokale Anpassungsstrategie keine kostenintensiven Großprojekte erfordert. Im Kern ging es um Informationszusammenführung, inter-institutionelle Kooperation, verbesserte Bürgerkommunikation und den Ausbau rechtlicher Planungsgrundlagen. Viele Einzelmaßnahmen (alternative Energien, Verkehrsmanagement, Abfallwirtschaft) sind ohnehin in Kommunalhaushalten veranschlagt.
  3. Inter-institutionelle Koordination als Schlüsseltechnologie. Das intellektuelle Kapital der Lokalregierung, also die Fähigkeit, verschiedene Wissenssegmente zu erkennen, zu koordinieren und in Politik und Verwaltungshandeln zu übersetzen, ist der entscheidende Faktor. Klimaanpassung kann sogar als Vehikel dienen, um sonst fragmentierte Verwaltungsstrukturen zu integrieren.
  4. Diffusionsbarrieren aktiv analysieren. Das Scheitern von 100 Resilient Cities in Quito hat eine klare Lektion: Wer Innovationen einführt, ohne Barrieren der Diffusion zu kennen, erzeugt kostspielige Parallelstrukturen ohne Nachhaltigkeitswirkung. Kommunen sollten institutionelle, kulturelle und politische Barrieren systematisch kartieren, bevor Umsetzungsstrategien entwickelt werden.
  5. Qualitative Forschung zulassen. Der Diskurswechsel, den Gierhake einfordert, hat direkte Relevanz für kommunale Evaluierungspraxis: Nicht jede Wirkung lässt sich statistisch belegen. Teilergebnisse aus klar begründeten Kontexten, regelmäßiges Wirkungsmonitoring und iterative Anpassung der Strategie sind effizienter als aufwändige Grundlagenerhebungen.

Einordnung und Ausblick

Gierhakes Studie schließt eine wichtige Lücke in der Klimaadaptationsliteratur. Die bisherige Dominanz natur- und wirtschaftswissenschaftlicher Ansätze hat verhindert, dass die sozio-politischen und administrativen Voraussetzungen für erfolgreiche Anpassung systematisch analysiert wurden. Das Fallbeispiel Quito, ergänzt durch die nationale Strategie Ecuadors, liefert eine empirisch fundierte, auf andere Kontexte übertragbare Vorlage.

Für Politikberatung und Kommunalverwaltungen in Deutschland ist die Kernbotschaft klar: Klimaanpassung ist keine technische, sondern eine soziale und politische Herausforderung. Wer die lokalen Wissenspotenziale seiner Stadt kennt, verknüpft und strategisch einsetzt, kann mit vergleichsweise bescheidenen Mitteln einen neuen Politikstil entwickeln, der sowohl klimaresilient als auch demokratisch legitimierter ist. Die internationale Forschungsgemeinschaft hat diesen Ansatz bereits aufgegriffen. Es ist Zeit, dass auch europäische Kommunen folgen.

Dr. Klaus Gierhake: „Lokales Wissen und kommunale Anpassung an den Klimawandel. Geographische und politologische Analysen für eine verbesserte Umsetzung.“ Giessen University Library Publications, 2026. Open Access: https://doi.org/10.22029/jlupub-20723

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