Dezentralisierung in Afrika: Zeit für eine strategische Neuorientierung

Die DEval‑Studie zur Unterstützung von Dezentralisierung in Subsahara‑Afrika ist mehr als eine evaluative Zwischenbilanz sie ist ein Stresstest für zentrale Annahmen deutscher Entwicklungspolitik im Governance‑Bereich. Für mich lohnt sich ein genauer Blick auf die Konsequenzen.

1. Was DEval tatsächlich sagt

Zwischen 2000 und 2022 finanzierte das BMZ rund 300 Dezentralisierungsvorhaben in Afrika mit insgesamt gut 2,5 Milliarden Euro. Die Evaluierung schließt damit bewusst eine Lücke denn eine systematische Gesamtbilanz dieses Portfolios lag bislang nicht vor.

Die zentralen Befunde

  • Nachweisbare Wirkungen gibt es vor allem lokal
    – Stärkung administrativer Kapazitäten in Kommunalverwaltungen
    – bessere finanzielle Ausstattung subnationaler Gebietskörperschaften
    – mehr politische Teilhabe auf lokaler Ebene.
  • Übergeordnete entwicklungspolitische Effekte bleiben die Ausnahme
    – kaum belastbare Beiträge zur strukturellen Konfliktreduktion
    – begrenzter Einfluss auf dezentralisierungsfreundliche Rechtsrahmen
    – geringe nachweisbare Wirkungen auf gesamtwirtschaftliche und soziale Entwicklung sowie auf Demokratisierung.

DEval verweist einen wesentlichen Grund auf die Divergenz im Verständnis von Dezentralisierung. Während deutsche Akteure auf substanzielle Macht‑ und Ressourcentransfers setzen, unterstützen viele Zentralregierungen in Subsahara‑Afrika Dezentralisierung nur formal, zugleich aber sichern sie aktiv zentralstaatliche Machtpositionen ab.

Hinzu kommt ein ungünstiger Kontexttrend

  • Rückzug anderer Geber aus der Dezentralisierungsförderung und damit Erosion multilateraler Reformdialoge
  • wachsender Einfluss autoritärer Modelle und Rückschritte in Demokratie und Rechtsstaatlichkeit.

DEval diagnostiziert ausdrücklich, dass strategische Anpassungen der deutschen Unterstützung bisher vor allem inkrementell und operativ erfolgten, eine echte strategische Neuausrichtung aber aussteht.

2. Reaktion und Verteidigungslinie des BMZ

In seiner schriftlichen Stellungnahme würdigt das BMZ die Evaluierung und bestätigt, dass das untersuchte Portfolio zu Dezentralisierung in Subsahara‑Afrika überwiegend relevant, intern und extern kohärent sowie effektiv sei, insbesondere auf lokaler Ebene. Gleichzeitig kündigt das Ministerium an, die Empfehlungen von DEval in die weitere Portfolioentwicklung einzuspeisen und die Erkenntnisse im Sektordialog mit Partnern zu nutzen.

Auffällig ist, dass das BMZ zwar eine stärkere Priorisierung von sogenannten Ankervorhaben und eine verbesserte Wirkungsüberprüfung grundsätzlich unterstützt, eine eigenständige zusätzliche Dezentralisierungsstrategie jedoch ausdrücklich für nicht zielführend erklärt. Damit stellt sich die Frage, wie eine strategische Neuausrichtung gelingen soll, wenn Dezentralisierung primär als Querschnittsanliegen in anderen Sektoren aufgehen soll.

3. Konsequenzen für die deutsche EZ im Bereich Dezentralisierung

Die aus der DEval‑Studie abzuleitenden Konsequenzen lassen sich auf drei Ebenen bündeln strategische Positionierung, Portfolioarchitektur und Arbeitsweise.

3.1 Strategische Positionierung klären statt verwässern

DEval macht deutlich, dass das deutsche Verständnis von Dezentralisierung nicht mehr selbstverständlich anschlussfähig ist. Daraus ergeben sich Optionen

  • Weiterhin auf normative Dezentralisierung als Hebel für Demokratie und Rechtsstaat setzen, bewusst aber in einem schwierigeren Umfeld mit klarer Risiko‑ und Interessenanalyse.
  • Dezentralisierung funktional denken als Mittel zur Verbesserung lokaler Dienstleistungen, Resilienz und Krisenbewältigung ohne zwingenden Anspruch umfassender Machtverlagerung.
  • Das Thema in sektorale Programme integrieren und primär dort stärken, wo konkrete Anreize für Partner bestehen etwa in Klima‑ und Anpassungsprogrammen, Stadtentwicklung, lokaler Wirtschaftsförderung oder in Programmen zu sozialer Sicherung.

DEval warnt indirekt vor einem Automatismus der Dezentralisierungspolitik die Förderung dezentraler Strukturen bleibt wichtig, aber sie muss in die realen politischen Machtkonstellationen eingebettet werden.

3.2 Portfolioarchitektur schärfen Anker setzen, Streuverluste reduzieren

Die Evaluierung legt nahe, dass sich das bisherige Portfolio durch eine starke Vielfalt an Instrumenten, Zielsetzungen und Wirkungspfaden auszeichnete. Für die Zukunft spricht vieles für

  • Weniger, aber strategisch platzierte Ankerprogramme, die mehrere Wirkungsfelder verbinden etwa Verwaltungskapazität, kommunale Finanzausstattung, lokale Partizipation und sektorale Dienstleistungen.
  • Klare Schwerpunktsetzung in Ländern, in denen ein Mindestmaß an politischer Reformbereitschaft und Schutzräumen für lokale Akteure vorhanden ist.
  • Integration von Dezentralisierungskomponenten in Programme zu Klimaanpassung, erneuerbarer Energie, Stadt‑ und Regionalentwicklung sowie Konfliktprävention, wo Zuständigkeiten ohnehin stark lokal verankert sind.

Damit würde der Übergang von einer projektförmigen Logik hin zu politikorientierten Ansatzpunkten unterstützt, ohne die lokale Wirkungsebene aufzugeben.

3.3 Arbeitsweise und Lernkultur anpassen

DEval betont, dass die bisherigen Anpassungen eher inkrementell waren. Daraus folgt für die deutsche EZ

  • Systematischere Nutzung politökonomischer Analysen vor und während der Umsetzung, um reale Machtverhältnisse und Blockaden zu verstehen.
  • Stärkere Nutzung von iterativen, adaptiven Ansätzen mit klaren Lernschleifen statt starrer Projektlogiken.
  • Regelmäßige Wirkungsüberprüfungen, insbesondere von Hypothesen, die politisch sensibel sind zum Beispiel zu Konfliktreduktion oder Demokratisierung.
  • Bessere Verzahnung von technischer Zusammenarbeit, Finanzierungsinstrumenten und politischem Dialog, um Reformfenster gezielt zu nutzen.

Damit rückt Dezentralisierung stärker in den Bereich von Governance‑Innovation und politischer Ökonomie, weg von rein kapazitätsorientierten Schulungsprogrammen.

4. Implikationen für Beratungs‑ und Evaluierungspraxis

Für unabhängige Beratung und Evaluierung in der Entwicklungszusammenarbeit verschiebt diese Studie den Referenzrahmen.

4.1 Von Projektoutputs zu Machtfragen

Die Evaluierung zeigt, dass Output‑Erfolge auf kommunaler Ebene nicht automatisch in strukturelle Transformation münden. Beraterinnen und Evaluatoren müssen daher

  • Theoriebasierte Wirkungslogiken explizit auf Machtverteilung, Vetospieler und Anreizsysteme beziehen.
  • Wirkungsfragen so formulieren, dass sie die Kluft zwischen formaler Reformrhetorik und informeller Machtsicherung sichtbar machen.
  • Local governance nicht nur als Verwaltungsthema, sondern als politisches Feld mit Gewinnern und Verlierern behandeln.

4.2 Lokale Erfolge bewusst politisch lesen

Die von DEval beschriebenen lokalen Wirkungen etwa verbesserte Verwaltungsleistungen, partizipative Planungsprozesse und kommunale Haushaltsverbesserungen sollten künftig stärker als politisch relevante Erfolge verstanden und kommuniziert werden. Sie können Räume für demokratische Praktiken öffnen, auch wenn die nationale Ebene blockiert bleibt.

Für die Gestaltung von Programmen bedeutet dies Förderung lokaler Handlungsspielräume, ohne diese automatisch mit nationalen Großreformen zu verknüpfen.

4.3 Beratung zwischen Ambition und Realismus

Die Studie zwingt Beratende dazu, Auftraggebenden gegenüber klarer zu sein

  • Dezentralisierung ist kein Allheilmittel für Frieden, Demokratie und Wachstum, sondern ein politisch umkämpfter, oft widersprüchlicher Prozess.
  • Realistische Zielhierarchien sind nötig lokale Governance‑Verbesserungen und Dienstleistungsqualität können valide Hauptziele sein, ohne zwangsläufig mit umfassender Demokratisierung verknüpft zu werden.
  • Messbare Erfolge müssen in der politischen Realität verankert werden die Frage, wer durch welche Reform gewinnt oder verliert, gehört in jede Projektskizze.

5. Ausblick Strategische Neuorientierung ernst nehmen

DEval formuliert seine Empfehlung bewusst offen die deutsche Seite solle eine strategische Antwort auf das Spannungsverhältnis zwischen eigenem Dezentralisierungsverständnis und den Interessen zentralstaatlicher Regime entwickeln. In Verbindung mit der BMZ‑Reformstrategie ergibt sich daraus eine doppelte Herausforderung

  • Dezentralisierungspolitik neu begründen warum lohnt sich das Festhalten an dezentralisierten Staatsstrukturen als Ansatzpunkt für Demokratie und Wohlstand, obwohl die Rahmenbedingungen schwieriger geworden sind.
  • Portfolios neu strukturieren wie lassen sich Governance‑ und Dezentralisierungselemente so in Kernprioritäten wie Klima, Frieden, Just Transition oder feministische Entwicklungspolitik integrieren, dass sie nicht marginalisiert, sondern gestärkt werden.

Für Consultants bietet diese Debatte die Gelegenheit, praxisnahe Brücken zu schlagen zwischen Evaluierungserkenntnissen, politischer Steuerung und konkreter Programmgestaltung. Die DEval‑Studie lädt dazu ein, Dezentralisierung wieder als politisches Projekt zu diskutieren nicht nur als technische Reformagenda.

Zum Schluss stellt sich die Frage wie sichtbar und wie verbindlich werden BMZ und Durchführungsorganisationen diese strategische Neuorientierung tatsächlich ausgestalten.


Der vollständige Bericht „Unterstützung von Dezentralisierungsmaßnahmen in Subsahara-Afrika durch die deutsche Entwicklungszusammenarbeit“ ist auf der Website des DEval veröffentlicht. Eine Stellungnahme des BMZ zur Evaluierung finden Sie hier. Text und Bild wurde von KI unterstützt.