Schrumpfende Räume, wachsende Verantwortung
Nur 3,4 Prozent der Weltbevölkerung leben in Ländern, die als „offen“ gelten. Das ist die ernüchternde Kernbotschaft des aktuellen Atlas der Zivilgesellschaft, den Brot für die Welt im Mai 2026 veröffentlicht hat. Noch vor wenigen Jahren war diese Zahl höher. Nun bündelt der Atlas auf einer einzigen Weltkarte, was sich in Länderberichten, NGO-Jahresberichten und Menschenrechtsreviews seit Jahren andeutet: Die Spielräume für unabhängiges zivilgesellschaftliches Handeln schrumpfen global, und der Trend beschleunigt sich.
Die Weltkarte wird dunkler
Rund 277 Millionen Menschen leben in den 39 Staaten, die der Atlas als „offen“ einordnet. Dort können Medien frei berichten, Demonstrationen finden unter staatlichem Schutz statt, zivilgesellschaftliche Organisationen gründen und arbeiten sich ohne systematische Schikane. Demgegenüber stehen fast sechs Milliarden Menschen, also rund 73 Prozent der Weltbevölkerung, in Ländern, die als „unterdrückt“ oder „geschlossen“ klassifiziert werden. Aktivistinnen werden dort überwacht, verhaftet, unter Druck gesetzt oder getötet. Unabhängige Medien verschwinden. Kritische Forschung wird kriminalisiert.
Datengrundlage des Atlas ist der CIVICUS Monitor, der Einschätzungen aus mehr als 20 regionalen Partnernetzwerken systematisch mit NGO-Berichten und Fachdaten etwa von Reporter ohne Grenzen zusammenführt. Staatliche Selbstauskünfte bleiben bewusst außen vor, um Eigendarstellungen von Regierungen nicht unkritisch zu übernehmen. Das Ergebnis ist eine der verlässlichsten globalen Zeitreihen über zivilgesellschaftliche Handlungsräume überhaupt.
Die fünf Kategorien des Atlas reichen von „offen“ bis „geschlossen“ und beschreiben konkrete Alltagsrealitäten. „Beeinträchtigt“ meint, dass formell Rechte gelten, aber bürokratische Hürden, Genehmigungsvorbehalte und gelegentliche Schikanen das Arbeiten erschweren. „Beschränkt“ beschreibt Kontexte, in denen Überwachung, willkürliche Auflösung von Versammlungen und Medienzensur Alltag werden. „Unterdrückt“ und „geschlossen“ stehen für Gesellschaften, in denen zivilgesellschaftliche Arbeit entweder nur im Untergrund möglich ist oder vollständig zum Erliegen kommt. Die Weltkarte wird dabei, wie VENRO es ausdrückt, „immer oranger und roter“: Der Anteil freier Räume schwindet, während Repression wächst.
Desinformation: Das neue Instrument der Raumverengung
Was die aktuelle Ausgabe des Atlas besonders auszeichnet, ist ihr analytischer Fokus auf ein Phänomen, das in früheren Ausgaben noch weniger Raum einnahm: Desinformation als Werkzeug, zivilgesellschaftliche Räume strategisch zu verengen. Autokratische Regime, populistische Bewegungen und extrem rechte Akteure haben erkannt, dass sie Aktivistinnen, Nichtregierungsorganisationen und kritische Medien nicht zwingend verbieten müssen, wenn sie deren Glaubwürdigkeit zerstören können.
Die Mechanismen sind überall ähnlich: Unliebsame Berichte und Recherchen werden pauschal als „Fake News“ diskreditiert. Menschenrechtsverteidigerinnen werden zu „ausländischen Agenten“, „Eliten“ oder „Volksfeinden“ stilisiert. Der Effekt ist nicht nur die Diskreditierung einzelner Inhalte, sondern die Delegitimierung des Prinzips unabhängiger Kontrolle staatlichen Handelns insgesamt. Wenn nicht mehr zwischen Wahrheit und politischer Behauptung unterschieden werden kann, verliert die Zivilgesellschaft ihre gesellschaftliche Funktion als kritische Instanz, bevor auch nur ein einziges Gesetz dagegen erlassen wurde.
Künstliche Intelligenz und digitale Plattformen verstärken diese Dynamik strukturell. Desinformationskampagnen lassen sich heute in industriellem Maßstab produzieren, während Faktenprüfung, Recherche und Richtigstellung aufwendig, langsam und ressourcenintensiv bleiben. Zivilgesellschaftliche Organisationen werden dadurch in eine permanente Defensive gedrängt, die Kapazitäten bindet und von Kernaufgaben ablenkt. Das ist kein Zufall, sondern Kalkül.
Was Zivilgesellschaft dagegen tut
Trotz dieser bedrohlichen Lage zeigt der Atlas, dass Zivilgesellschaft weltweit keine passive Opferrolle einnimmt. Im Gegenteil: Es entsteht ein wachsender Erfahrungsschatz an Gegenstrategien, der zwischen Regionen und Kontexten geteilt wird.
Eine der wirksamsten Antworten ist der Aufbau belastbarer Netzwerke über nationale Grenzen hinweg. Wo lokale Räume blockiert sind, bieten regionale oder internationale Bündnisse Schutz, rechtliche Unterstützung und Öffentlichkeit. Transnationale Vernetzung erlaubt es, nationale Repressionen auf internationaler Ebene sichtbar zu machen, etwa über UN-Vertragsorgane, den Menschenrechtsrat oder regionale Systeme wie den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte.
Viele Organisationen investieren zugleich verstärkt in ihre eigene Kommunikations- und Informationsresilienz. Fact-Checking-Einheiten, systematisches Monitoring von Hasskampagnen, alternative Medienkanäle und digitale Sicherheitspraktiken werden zu festen Bestandteilen des Organisationsalltags. Das klingt nach technischer Ergänzung, ist aber ein strategischer Paradigmenwechsel: Zivilgesellschaft versteht sich zunehmend selbst als Medienakteurin, nicht nur als Themenlieferantin für andere.
Eine dritte Strategie ist die bewusste Koalitionsbildung über klassische Sektortrennungen hinweg. Menschenrechtsorganisationen kooperieren mit Gewerkschaften und Klimabewegungen, Kulturakteurinnen mit Kirchen, Basisgruppen mit professionellen Advocacy-NGOs. Gemeinsam entstehen breitere politische Bündnisse, die Angriffe auf einzelne Gruppen schwerer macht und demokratische Grundrechte kollektiv verteidigt.
Schließlich wächst die Bereitschaft, trotz enger werdender nationaler Räume international zu klagen und zu dokumentieren. Parallel dazu entstehen Strategien für Situationen, in denen auch das nicht mehr möglich ist, etwa Verlagerungskonzepte für Organisationen, die im Herkunftsland nicht mehr sicher arbeiten können, verbunden mit solidarischer Unterstützung durch Diaspora-Netzwerke und Exilstrukturen.
Was das für die Entwicklungszusammenarbeit bedeutet
Für die deutsche und internationale Entwicklungszusammenarbeit formuliert der Atlas deutliche Handlungsaufträge. Sie gehen über die klassische Projektförderung hinaus und verlangen strukturelles Umdenken.
Erstens müssen Regierungen und Parlamente das Thema zur Querschnittspolitik machen. Brot für die Welt fordert explizit, Freiheitsrechte nicht nur in der Außen- und Entwicklungspolitik zu verankern, sondern auch dann zu verteidigen, wenn Handelsinteressen, Migrationsabkommen oder Sicherheitspartnerschaften unter Druck geraten. Politikkohärenz ist hier keine Floskel, sondern Bedingung für Glaubwürdigkeit: Wer Zivilgesellschaft in Partnerländern stärkt, darf deren Einschränkung nicht durch andere Politikfelder mitfinanzieren oder dulden.
Zweitens braucht EZ flexible und resiliente Finanzierungsinstrumente. Klassische Projektlogiken mit mehrjährigen Planungszyklen, festen Partnerstrukturen und detaillierten Aktivitätsplänen stoßen in repressiven Kontexten schnell an Grenzen. Wenn eine Partnerorganisation plötzlich verboten wird, ihre Konten eingefroren werden oder ihre Mitarbeiterinnen verfolgt werden, dann helfen keine Quartalsberichte. Gefragt sind stattdessen Schutzfonds, schnelle Risikoabsprachen, Notfallprozeduren und Bereitschaft zu unorthodoxen Partnerschaften, etwa mit informellen Gruppen oder Diaspora-Strukturen.
Drittens verdient das Thema Desinformation und Informationsgesellschaft stärkere Verankerung in der EZ-Praxis. Das umfasst konkrete Förderformate: Medienkompetenzprogramme für Partnergesellschaften, Unterstützung lokaler Fact-Checking-Initiativen, Kooperationen zwischen Entwicklungsorganisationen und unabhängigen Medienakteuren sowie Investitionen in sichere digitale Infrastruktur für gefährdete Akteurinnen. Desinformation ist kein Kommunikationsproblem, sondern ein Demokratieproblem, und muss entsprechend behandelt werden.
Viertens sollte EZ den politischen Dialog mit Partnerregierungen nutzen, um restriktive Gesetzgebung gegen NGOs, Medien und Versammlungsfreiheit offen anzusprechen. Shrinking Space beginnt oft als juristischer Prozess: mit NGO-Gesetzen, die ausländische Finanzierung kriminalisieren, mit Genehmigungspflichten für Demonstrationen, mit Steuerprüfungen als Einschüchterungsmittel. Entwicklungsorganisationen, die diese Entwicklungen im Partnerdialog nicht benennen, legitimieren sie durch Schweigen.
Solidarität als globale Aufgabe
Es wäre bequem, Shrinking Spaces als Problem des globalen Südens zu betrachten. Der Atlas macht deutlich, dass das eine Fehlannahme wäre. Auch in der Europäischen Union, auch in Deutschland werden Klimaproteste kriminalisiert, die Spielräume zivilgesellschaftlicher Organisationen durch Gemeinnützigkeitsrecht und politischen Druck enger, Medienfreiheit durch ökonomische Konzentration und politische Einschüchterung gefährdet. Wer globale Zivilgesellschaft stärken will, muss auch die eigene Gesellschaft im Blick behalten.
Der Atlas der Zivilgesellschaft 2026 ist deshalb kein Lagebericht über ferne Länder. Er ist ein Spiegel für all jene, die Demokratie, Menschenrechte und offene Gesellschaften als erstrebenswert betrachten. Und er ist ein Arbeitsauftrag, für Zivilgesellschaft, Entwicklungszusammenarbeit und Politik gleichermaßen: Räume nicht nur zu beklagen, sondern aktiv zu verteidigen, auszuweiten und neu zu gestalten, auch wenn es unbequem wird.
Weiterführend: Brot für die Welt, Atlas der Zivilgesellschaft 2026, brot-fuer-die-welt.de. VENRO, Shrinking Space, venro.org. Heinrich-Böll-Stiftung, Dossier Shrinking Spaces, boell.de.
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