Demokratien unter Druck: Der geopolitische Imperativ Europas

Hamburg, 26. Mai 2026 – Ein Jahr nach dem Ende seiner Kanzlerschaft zeigt sich Olaf Scholz nicht als politischer Ruheständler, sondern als strategischer Analytiker globaler tektonischer Verschiebungen. Im Rahmen der Europa-Woche diskutierte Scholz heute im Haus der Patriotischen Gesellschaft gemeinsam mit der Politikwissenschaftlerin Dr. Julia Reuschenbach die fundamentale Neuordnung der Welt. Die nüchterne Debatte, die mit viel Publikum geführt wurde, bot tiefe Einblicke in das sozialdemokratische Verständnis von Macht, Resilienz und strategischer Autonomie im 21. Jahrhundert.

Die Kernaussagen des ehemaligen Bundeskanzlers lassen sich entlang von vier zentralen Entwicklungslinien strukturieren:

  1. Die Zukunft der Demokratie: Zukunftsvertrauen als Bollwerk gegen den Populismus

Scholz verortet den grassierenden Rechtspopulismus und den Aufstieg antiliberaler Parteien wie der AfD nicht als isoliertes deutsches Phänomen, sondern als Symptom einer tiefen gesellschaftlichen Verunsicherung in den reichen Ländern des Westens. Die Globalisierung habe zu enormen wirtschaftlichen Umbrüchen geführt, die bei vielen Bürgern die Sorge auslösen, ob es ihnen und ihren Kindern in dreißig Jahren noch gut gehen werde.

Die Verteidigung der Demokratie erfordert laut Scholz daher in erster Linie ökonomische Antworten, technologischen Fortschritt und eine soziale Wachstumsagenda, um das Vertrauen in die Zukunft zurückzugewinnen. Gleichzeitig fordert er aber auch eine aktive, alltägliche Verteidigung der demokratischen Institutionen durch die Zivilgesellschaft, fernab reiner Konsumhaltung.

„[Die Demokratie] ist kein Fernsehprogramm, nichts, was wir bei Social Media verfolgen, kein KI Agent, mit dem wir uns unterhalten, sondern das ist in irgendeiner Weise etwas, das wie auch immer von uns mit abhängt.“

Olaf Scholz betrachtet die AfD als eine antipluralistische Bedrohung für die Demokratie, die die Gesellschaft durch das Konstruieren von Feindbildern spaltet und bei der man nicht darauf vertrauen könne, dass sie einmal erlangte Macht wieder demokratisch abgeben würde.

  1. Die Zukunft Europas: Souveränität, Stärke und Strukturreformen

Angesichts des andauernden russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine betonte Scholz die Notwendigkeit europäischer Geschlossenheit. Europa sitze sehr wohl mit am Tisch der Weltmächte, was sich allein in der gewaltigen finanziellen und militärischen Unterstützung der Ukraine zeige. Er warnte davor, die „unvernünftige Macht“ Russlands zu unterschätzen, betonte jedoch, dass Wladimir Putin seine strategischen Kriegsziele bereits verfehlt habe. Daraus leitet Scholz einen klaren sicherheitspolitischen Auftrag für die EU ab.

„Die Europäische Union muss dafür sorgen, dass sie über eine ausreichende militärische Stärke verfügt.“

Doch militärische Stärke allein reicht nicht. Um in einer kompetitiven Weltordnung zu bestehen, fordert Scholz tiefgreifende institutionelle und wirtschaftliche Reformen der EU. Dazu gehören der Übergang zu qualifizierten Mehrheitsentscheidungen in der Außen- und Steuerpolitik sowie die rasche Umsetzung der Kapitalmarktunion. Zudem müsse Europa wieder lernen, eigene Rohstoffe (wie Lithium im Rheingraben) abzubauen und zu verarbeiten, anstatt sich blind auf billige Importe zu verlassen.

  1. Die Zukunft der Weltordnung und die Rolle Europas: Der relative Bedeutungsverlust des Nordens

Scholz zeichnet das Bild einer rasend schnell wachsenden Welt, die bis 2050 voraussichtlich zehn Milliarden Einwohner zählen wird, von denen fünf Milliarden der globalen Mittelschicht angehören werden. Diese historische Aufholjagd des Globalen Südens (insbesondere seit der Marktöffnung Chinas in den 1970er Jahren) verschiebt die globalen Machtzentren unaufhaltsam.

Die strategische Realität, der sich Europa und die USA anpassen müssen, ist das Ende der unipolaren beziehungsweise bipolaren Welt. Zwar werden die USA auf absehbare Zeit die stärkste Nation bleiben, jedoch in einer Welt vieler starker Akteure. Der Westen müsse sich von der Illusion verabschieden, dem Rest der Welt weiterhin einseitig die Spielregeln diktieren zu können.

„[…] der relative Einfluss von uns, Europa, Russland und Amerika, wird abnehmen und große Mächte wie Indien, Indonesien, afrikanische Länder, südamerikanische Länder werden sich nicht sagen lassen, was sie zu denken haben.“

  1. Partnerschaft mit Afrika: Echte Augenhöhe statt neokolonialer Rohstoffausbeutung

Aus dieser neuen multipolaren Realität erwächst die absolute Notwendigkeit, Partnern in Afrika und dem Globalen Süden mit historischem Bewusstsein und echtem Respekt zu begegnen. Scholz hob hervor, dass die Demütigungen der Kolonialzeit in den betroffenen Gesellschaften tief verwurzelt und höchst präsent sind. Afrikanische Staaten haben in den letzten Jahrzehnten eine rasante Infrastrukturentwicklung vollzogen und fordern nun berechtigterweise eine eigenständige ökonomische Entwicklung ein.

Europäische Kooperationen müssen daher auf echten „Win-Win“-Situationen basieren. Scholz kritisierte in diesem Zusammenhang die bisherige, oft bornierte europäische Handelspolitik scharf, die Fortschritte lange Zeit blockiert habe. Als positives Gegenbeispiel nannte er das neu geschlossene Abkommen mit Kenia, das afrikanischen Staaten endlich eigene Wertschöpfung zugesteht, anstatt sie auf den reinen Rohstoffexport zu reduzieren.

„Wir hatten z.B. so etwas Furchtbares, dass wir verlangt haben in jedem Freihandelsabkommen […] dass die Rohstoffe […] so wie sie in der Erde liegen […] exportiert werden müssen […] daran sind die Abkommen im Wesentlichen gescheitert.“

Insgesamt verdeutlichte der Abend in Hamburg: Die strategische Neuausrichtung hin zu einer kooperativen, aber wehrhaften und wirtschaftlich souveränen europäischen Geopolitik ist für Scholz keine theoretische Fingerübung, sondern die Grundvoraussetzung, um den Wohlstand und die Demokratien des Westens im 21. Jahrhundert zu sichern.

Was ich mitnehme

Olaf Scholz skizziert die Vision eines wehrhaften, wirtschaftlich souveränen Europas, das die neuen geopolitischen Realitäten pragmatisch akzeptiert, anstatt alten Hegemonieansprüchen hinterherzutrauern. Sein Fazit lautet: Europa muss sich von der Illusion verabschieden, der Welt die Regeln diktieren zu können. Die Lösung liegt in einer strategischen Emanzipation – durch den Ausbau eigener militärischer Stärke, die Sicherung kritischer Rohstoffe innerhalb Europas, tiefgreifende EU-Strukturreformen (wie die Kapitalmarktunion) und den Aufbau echter Partnerschaften auf „Augenhöhe“ mit den aufstrebenden Mächten des Globalen Südens. Gleichzeitig muss nach innen wirtschaftliche Sicherheit geschaffen werden, um die demokratische Grundordnung vor dem Populismus zu schützen.

Der Zusammenhang von Demokratie und Weltordnung Für Scholz stehen die innenpolitische Stabilität der westlichen Demokratien und die Verschiebungen in der globalen Weltordnung in einem direkten, kausalen Ursache-Wirkungs-Verhältnis. Dieser Zusammenhang lässt sich in drei Schritten erklären:

  1. Globale Machtverschiebungen erzeugen innenpolitische Unsicherheit: Die Weltordnung formiert sich fundamental neu. Während Chinas Aufstieg bereits massiv vollzogen ist, wächst die Weltbevölkerung bis 2050 auf 10 Milliarden Menschen an, von denen künftig 5 Milliarden zur globalen Mittelschicht gehören werden. Diese rasante Industrialisierung und der Aufstieg des Globalen Südens bedeuten zwangsläufig einen relativen Bedeutungsverlust des „globalen Nordens“ (Europa, USA, Russland). Diese globalen tektonischen Verschiebungen – insbesondere die ökonomischen Folgen der Globalisierung und die Abwanderung von Industrien – sind für die Bürgerinnen und Bürger im Westen spürbar und lösen tiefe Verunsicherung und Machtlosigkeit aus. Die Menschen fürchten, dass es ihnen und ihren Kindern in 30 Jahren nicht mehr so gut gehen wird wie heute.
  2. Verunsicherung ist der Nährboden für antidemokratischen Populismus: Genau diese, aus der neuen Weltordnung resultierende Unsicherheit, greifen antiliberale Kräfte auf. Scholz macht deutlich, dass Phänomene wie der Trumpismus in den USA, der Brexit in Großbritannien oder das Erstarken der AfD in Deutschland direkte Reaktionen auf diesen globalen Wandel sind. Wenn der globale Westen seinen absoluten Status verliert und wirtschaftliche Abstiegsängste grassieren, nutzen Populisten diese Verunsicherung, um Feindbilder (wie Migranten oder externe Akteure) zu konstruieren und die Gesellschaft zu spalten. Diese Spaltung und das Konstruieren von Feindbildern im Inneren sind laut Scholz „das Grundübel aller Bedrohung für die Demokratie“.
  3. Geopolitische Souveränität und Wachstum als Demokratieschutz Weil die Bedrohung der Demokratie globalen Ursprungs ist, muss die Verteidigung der Demokratie geopolitisch und geoökonomisch erfolgen. Scholz argumentiert, dass die Demokratie nicht nur durch normative Appelle, sondern primär durch das „Zurückgewinnen der Zukunft“ verteidigt wird.
  • Nach außen bedeutet das: Europa muss seine eigene wirtschaftliche und militärische Handlungsfähigkeit (Akteurhaftigkeit) sicherstellen, um nicht von anderen Mächten zerrieben zu werden. Gleichzeitig muss es dem Rest der Welt (wie afrikanischen oder asiatischen Staaten) mit historischem Respekt begegnen und eigenständige ökonomische Entwicklungen zulassen, anstatt neokoloniale Handelsmuster zu wiederholen.
  • Nach innen bedeutet das: Die Politik muss eine wirtschaftliche und soziale Wachstumsagenda vorantreiben. Die Bürger:innen müssen wieder darauf vertrauen können, dass der europäische Wirtschaftsstandort in der neuen multipolaren Weltordnung bestehen kann.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Ohne eine kluge strategische Positionierung in der neuen Weltordnung kann Europa seinen Wohlstand nicht halten. Und ohne diesen gesicherten Wohlstand und den Glauben an eine gute Zukunft erodiert die Demokratie von innen durch den Populismus.


Der vorliegende Beitrag spiegelt allein die Auffassung des Autors wider. Bei der Erstellung von Text und Bild kam unterstützend künstliche Intelligenz zum Einsatz.

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