Hohe Kapitalkosten als Entwicklungshemmnis

Warum der Preis des Geldes über Investitionen, Staatlichkeit und Transformation im globalen Süden entscheidet und weshalb die Debatte um Ratings, Regulierung und Finanzarchitektur jetzt ins Zentrum der Entwicklungspolitik gerückt ist.

Lange Zeit drehte sich die internationale Debatte über Entwicklungsfinanzierung vor allem um Volumen: Wie lässt sich mehr Kapital für den globalen Süden mobilisieren. Das Briefing Der Preis des Geldes verschiebt den Fokus an eine entscheidende Stelle zurück, die in vielen Strategien unterschätzt wurde: Nicht nur die Menge des Kapitals ist politisch relevant, sondern vor allem seine Konditionen. Wer dauerhaft zu hohen Zinssätzen finanziert, kann weder öffentliche Güter noch klimarelevante Transformationen noch wirtschaftliche Entwicklung zu tragfähigen Bedingungen organisieren.1

Gerade darin liegt die entwicklungspolitische Sprengkraft des Themas. Regierungen im globalen Süden zahlen auf internationalen Kapitalmärkten signifikant höhere Zinssätze als Regierungen im globalen Norden. Diese finanzielle Spaltung ist nicht nur ein technisches Marktphänomen, sondern eine strukturelle Ursache von Entwicklungsunterschieden. Der Preis des Geldes bestimmt, wie weit ein Staat Bildung, Gesundheit, Infrastruktur oder Klimaanpassung aus eigener Kraft finanzieren kann.2

Das sogenannte Lucas-Paradox bezeichnet den Befund, dass Kapital nicht in dem Ausmaß von reichen in arme Länder fließt, wie es die neoklassische Wachstumstheorie erwarten lässt, obwohl dort die Kapitalrenditen aufgrund der Knappheit des Kapitals eigentlich deutlich höher sein müssten. Stattdessen zirkuliert Kapital in Industrieländern oder fließt sogar netto aus dem globalen Süden in den Norden zurück, was dazu führt, dass Kapital in vielen Entwicklungsländern relativ teuer ist gerade dort, wo Investitionen für Wachstum und Strukturwandel besonders dringlich wären.

Vom Mengenproblem zum Konditionenproblem

Das Briefing beschreibt einen überfälligen Diskurswandel. Über Jahre dominierte im Umfeld der Bretton Woods Institutionen das Paradigma, aus Milliarden Billionen zu machen und möglichst viel privates Kapital in Entwicklungs- und Schwellenländer zu lenken. Doch dort, wo das gelang, wurde oft zu teures Geld mobilisiert. Die Folge waren steigende Schuldendienstlasten, sinkende fiskalische Spielräume und eine neue Welle von Schuldenkrisen.3

Damit verschiebt sich auch der Maßstab politischer Beurteilung. Erfolgreiche Entwicklungsfinanzierung bedeutet nicht automatisch, dass viel Kapital fließt. Sie ist nur dann tragfähig, wenn Kapital zu Bedingungen bereitsteht, die produktive Investitionen, soziale Infrastruktur und langfristige Transformation überhaupt erst rentabel machen. Genau hier setzt Ellmers an: Hohe Kapitalkosten sind nicht bloß Begleiterscheinung von Unterentwicklung, sondern selbst ein Entwicklungshemmnis.4

Wie groß die Zinslücke ist

Besonders eindrücklich ist die vom Briefing aufgegriffene Größenordnung. Als Benchmark dienen für Dollarkredite in der Regel US Staatsanleihen, für Euroanleihen die Bundesanleihe. Gegenüber diesen Referenzwerten zahlen Länder des globalen Südens erhebliche Risikoaufschläge. Für den Durchschnitt der Jahre 2020 bis 2025 nennt das Papier auf US Dollar Staatsanleihen Zinskosten von 2,8 Prozent für die USA, 5,5 Prozent für Asien und Ozeanien, 7,1 Prozent für Lateinamerika und die Karibik sowie 9,8 Prozent für afrikanische Länder.5

Diese Differenz ist nicht akademisch. Sie entscheidet darüber, ob ein Land Investitionen noch aus laufenden Einnahmen bedienen kann oder ob jeder Kredit neue Verwundbarkeit erzeugt. Das Briefing verweist zudem auf Berechnungen des Finance for Development Lab, nach denen die Risikoaufschläge für Länder mit niedrigem und unteren mittleren Einkommen zwischen 2015 und 2025 von durchschnittlich 2,5 auf 7,5 Prozent stiegen. Besonders in Krisenzeiten schnellen diese Aufschläge nach oben, also genau dann, wenn Regierungen billiges Geld am dringendsten brauchen.6

Ein Land mit 10 Milliarden US Dollar Schulden zahlt bei 5 Prozent Zins jährlich 500 Millionen US Dollar an Zinsen. Steigt der Zinssatz auf 10 Prozent, verdoppelt sich die Belastung auf 1 Milliarde US Dollar, obwohl der Schuldenstand unverändert bleibt.7

Hier wird sichtbar, weshalb hohe Kapitalkosten unmittelbar in Austerität, Investitionsstau und politische Instabilität übersetzen. Laut den im Briefing referierten Angaben der Weltbank stiegen die Zinskosten der ärmsten und verletzlichsten Länder 2023 auf einen historischen Höchststand von 34,6 Milliarden US Dollar und lagen damit viermal so hoch wie vor zehn Jahren. Zugleich warnt die UNO, dass mehr als 3,4 Milliarden Menschen in Ländern leben, deren Regierungen mehr für Zinsen ausgeben als für Bildung oder Gesundheit.8

Warum Geld im Süden teurer ist

Das Briefing legt großen Wert darauf, die hohen Aufschläge nicht vorschnell als bloßes Resultat schlechter nationaler Politik zu erklären. Natürlich verlangen Investorinnen und Investoren einen Preis für Ausfallrisiken. Doch dieses Risiko ist politisch und institutionell erzeugt. Länder, die sich in Fremdwährung verschulden müssen, können im Krisenfall eben nicht auf eine Zentralbank zurückgreifen, die unbegrenzt eigene Anleihen stützt. Genau darin liegt der strukturelle Vorteil der USA und anderer Emittenten harter Währungen.9

Hinzu kommt die zentrale Rolle privater Ratingagenturen. Fitch, Moody’s und S&P dominieren de facto ein Oligopol, dessen Urteile enorme politische und fiskalische Wirkungen entfalten. Ratings sind dabei keine neutralen Tatsachen, sondern Prognosen über künftige Zahlungsfähigkeit. Das Briefing beschreibt daher eine zentrale Kontroverse: Schlechte Ratings spiegeln nicht nur Risiken wider, sie können diese durch höhere Finanzierungskosten selbst verstärken. Das Rating wird so zur selbsterfüllenden Prophezeiung.10

Ellmers verweist außerdem auf tiefer liegende Defizite der internationalen Finanzarchitektur. Dazu gehören die anfällige Schuldenstruktur vieler Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen, die schlechte Koordination zwischen multilateralen, bilateralen und privaten Gläubigern sowie Defizite des finanziellen Sicherheitsnetzes. Weil multilaterale Gläubiger im Krisenfall oft als bevorzugte Gläubiger behandelt werden, erhöhen sich die Abschreibungsrisiken privater Investoren, die diese Risiken wiederum über höhere Prämien einpreisen.11

Ratings, Regulierung und ein voreingenommener Markt

Besonders stark ist das Briefing dort, wo es die Verbindung von Ratings und Regulierung sichtbar macht. Nach einer UNDP Studie, auf die sich Ellmers stützt, werden afrikanische Staatsschulden seit der Coronakrise eher durch methodische Besonderheiten der Agenturen als durch reale Veränderungen makroökonomischer und fiskalischer Fundamentaldaten beeinflusst. Eine Reform dieser Methodik, weg von stärker subjektiven Faktoren, könnte afrikanischen Ländern demnach 74,5 Milliarden US Dollar an zusätzlichem Kapital oder eingesparten Zinszahlungen erschließen.12

Die politische Wirkung reicht noch weiter. Das Briefing erinnert an das Scheitern der Debt Service Suspension Initiative in der Coronakrise. Viele Länder mit niedrigem Einkommen nahmen das angebotene Moratorium nicht in Anspruch, weil Ratingagenturen mit Herabstufungen drohten. Damit wurde nicht nur die Kreditaufnahme verteuert, sondern auch multilaterale Krisenpolitik diszipliniert und eingeschränkt. Wenn private Agenturen faktisch darüber mitentscheiden, welche Entlastungsinstrumente Staaten nutzen können, ist das eine Machtfrage, nicht nur eine Marktfrage.13

Gleichzeitig zeigt das Papier, dass auch Finanzmarktregulierung selbst die Zinslücke reproduziert. Vor allem die Basler Akkorde gewichten Risiken so, dass Engagements in Ländern des globalen Südens für Banken mit höheren Eigenkapitalanforderungen verbunden sind. Was als Stabilitätsarchitektur gedacht ist, verteuert damit Kreditvergabe an Länder mit niedrigen Einkommen zusätzlich. Der globale Süden zahlt also nicht nur wegen vermeintlicher Risiken mehr, sondern auch wegen Regeln, die diese Risiken institutionell überzeichnen oder verstetigen.14

Afrikanische Antworten auf ein globales Problem

Ein großer Vorzug des Briefings ist, dass es nicht bei Kritik stehen bleibt, sondern institutionelle Antworten aus dem globalen Süden ernst nimmt. Hervorgehoben wird vor allem die geplante African Credit Rating Agency, deren Aufbau 2019 von der Afrikanischen Union angestoßen wurde. Sie soll Ratings der großen privaten Agenturen ergänzen, nicht ersetzen, und eine regional verankerte, aus afrikanischer Sicht fairere Bewertung afrikanischer Finanzprodukte ermöglichen.15

Die Idee ist politisch hoch relevant. Denn wenn die Diagnose zutrifft, dass ein Teil der Risikoaufschläge aus methodischen Verzerrungen, mangelnder Kenntnis lokaler Kontexte und regulatorischer Pfadabhängigkeit entsteht, dann braucht es eigene Institutionen, die epistemische Gegengewichte aufbauen. Zugleich ist Ellmers realistisch: Ohne regulatorische Anerkennung in Drittländern droht auch eine afrikanische Ratingagentur wirkungslos zu bleiben. Der Kampf um niedrigere Kapitalkosten ist deshalb immer auch ein Kampf um Regelsetzung und institutionelle Anerkennung.16

In dieselbe Richtung weist der im Briefing beschriebene afrikanische Finanzstabilitätsmechanismus. Er soll bei temporären Liquiditätsengpässen einspringen, das Ausfallrisiko senken und damit langfristig auch die Risikoprämien afrikanischer Finanzprodukte reduzieren. Nach Einschätzung des Chefökonomen der Afrikanischen Entwicklungsbank könnte ein solcher Mechanismus afrikanischen Staaten bis 2035 rund 20 Milliarden US Dollar an Schuldendienstkosten sparen, wenn er wie vorgesehen umgesetzt wird.17

Warum Regulierung politischer werden muss

Besonders wichtig für einen Hintergrundartikel ist Ellmers institutioneller Blick. Finanzmarktregulierung erscheint oft als technokratisches Feld, in dem Expertengremien neutral Risiken verwalten. Das Briefing zeigt jedoch, dass diese Ordnung hochgradig politisch ist, weil die Betroffenen in den entscheidenden Foren strukturell unterrepräsentiert sind. Weder die Gruppe der am wenigsten entwickelten Länder noch die kleinen Inselentwicklungsländer verfügen in zentralen Institutionen wie G20, Basler Ausschuss, FSB oder FATF über angemessene Stimme und Präsenz.18

Gerade deshalb gewinnt die UNO für diese Debatte an Bedeutung. Im Compromiso de Sevilla wurden nach Darstellung des Briefings wiederkehrende Sitzungen des Wirtschafts und Sozialrats zu Kreditratings und finanzieller Integrität mandatiert. Das ist mehr als ein verfahrenspolitisches Detail. Es verweist auf die Grundfrage, wer die Leitlinien der internationalen Finanzarchitektur bestimmt: ein enger Kreis wirtschaftlich mächtiger Staaten und privater Marktakteure oder ein universelleres System mit breiterer Repräsentation.19

Was das für Deutschland bedeutet

Für die deutsche Debatte ist das Briefing in mindestens zweierlei Hinsicht relevant. Erstens korrigiert es die verbreitete Annahme, Entwicklungshemmnisse im globalen Süden ließen sich primär durch bessere nationale Reformpolitik oder mehr private Investoren lösen. Wenn der Preis des Geldes systematisch verzerrt ist, greifen solche Antworten zu kurz. Zweitens macht es deutlich, dass Deutschland und Europa nicht am Rand dieser Problematik stehen, sondern über Finanzmarktregulierung, Entwicklungsbanken, Klimafinanzierung und ihre Rolle in multilateralen Foren direkt an der Reproduktion oder Korrektur der Zinsungleichheit beteiligt sind.20

Wer die Entwicklungsfinanzierung ernst nimmt, muss daher nicht nur über mehr Mittel sprechen, sondern über faire Finanzierungskonditionen. Genau das ist die zentrale Botschaft von Der Preis des Geldes. Hohe Kapitalkosten sind kein Randthema für Spezialistinnen und Spezialisten der Finanzarchitektur. Sie sind ein Kernproblem globaler Gerechtigkeit, weil sie darüber entscheiden, welche Staaten Zukunft finanzieren können und welche im Schuldendienst der Gegenwart gefangen bleiben.21

Fußnoten

  1. Vgl. Bodo Ellmers, Der Preis des Geldes. Hohe Kapitalkosten als Entwicklungshemmnis, Briefing Oktober 2025, Zusammenfassung und Einleitung.
  2. Ebd., Zusammenfassung, S. 1.
  3. Ebd., Kapitel „Kapitalkosten auf der internationalen Politikagenda“, S. 2.
  4. Ebd., S. 2 sowie Fazit, S. 11.
  5. Ebd., Kapitel „Wie hoch sind die Kapitalkosten im globalen Süden?“, S. 3.
  6. Ebd., S. 3 bis 4.
  7. Ebd., Beispiel zum Zinsschock, S. 4.
  8. Ebd., unter Bezug auf Weltbank, Vereinte Nationen und Schuldenreport 2025 von Erlassjahr.de, S. 4.
  9. Ebd., Kapitel „Warum sind die Kapitalkosten so hoch?“, S. 5.
  10. Ebd., S. 5.
  11. Ebd., zu Schuldenstruktur, Gläubigerkoordination und finanziellem Sicherheitsnetz, S. 5 bis 6.
  12. Ebd., Kapitel „Die Rolle und Reform der Kreditratingagenturen“, S. 6.
  13. Ebd., zur DSSI und den Folgen von Herabstufungsdrohungen, S. 6.
  14. Ebd., Kapitel „Die Bedeutung der Finanzmarktregulierung“ sowie „Kostensenkung durch Reform der Basler Akkords“, S. 8 bis 9.
  15. Ebd., Kapitel „Die afrikanische Kreditratingagentur“, S. 7.
  16. Ebd., S. 7 bis 8.
  17. Ebd., Box „Der afrikanische Finanzstabilitätsmechanismus“, S. 7. 
  18. Ebd., Kapitel „Reform von Institutionen der Finanzmarktregulierung“, S. 10, insbesondere Tabelle 1.
  19. Ebd., S. 11.
  20. Ebd., Gesamtargument des Briefings sowie Schlussfolgerungen zu Regulierung und multilateraler Ebene, S. 8 bis 11.
  21. Ebd., Fazit, S. 11.
SDG17