Künstliche Intelligenz verändert die Arbeitswelt in einem Tempo, das Unternehmen, Beschäftigte und Regierungen gleichermaßen unter Druck setzt. Doch während die technologische Debatte oft um Algorithmen, Investitionssummen und Durchbrüche kreist, rückt ein anderer Faktor zunehmend ins Zentrum: die Kompetenzen der Menschen, die diese Technologien nutzen sollen. Ein neues Policy Brief der OECD vom Juni 2026 liefert dazu wichtige Befunde.
Qualifikationsmangel bremst die KI-Einführung
Der Befund ist eindeutig: Viele Unternehmen, insbesondere kleine und mittlere Unternehmen (KMU), scheitern nicht an der Technologie selbst, sondern am Mangel geeigneter Fachkräfte. Rund 40 Prozent der Arbeitgeber in der Fertigungs- und Finanzbranche, die KI noch nicht einsetzen, nennen fehlende Qualifikationen als Haupthindernis, und mehr als die Hälfte der KMU, die generative KI nicht nutzen, geben dasselbe an. Das ist ein strukturelles Problem, kein technisches. Wer die Digitalisierung vorantreiben will, muss zuerst in Menschen investieren.
Gleichzeitig verstärkt KI die Nachfrage nach hochqualifizierten Arbeitskräften. Mehr als die Hälfte der Arbeitgeber in Fertigung und Finanzwesen, die KI bereits einsetzen, berichten von einem gestiegenen Bedarf an gut ausgebildeten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. KI ersetzt in diesen Bereichen also nicht einfach Arbeit, sondern verändert deren Anspruchsniveau. Sie ergänzt eher, als dass sie verdrängt, aber nur dort, wo die nötigen Kompetenzen vorhanden sind.
Nicht Coden, sondern Denken
Ein verbreitetes Missverständnis lautet, die Zukunft gehöre den Programmierern. Die OECD-Daten zeichnen ein differenzierteres Bild: Weniger als ein Prozent der Beschäftigten werden tatsächlich fortgeschrittene KI-spezifische Kenntnisse wie Modellentwicklung oder Programmierung benötigen. Was hingegen breite Relevanz bekommt, sind digitale Grundkompetenzen sowie die Fähigkeit, Daten zu nutzen, zu analysieren und zu interpretieren.
Daneben bleiben menschliche Kompetenzen unverzichtbar: Problemlösung, Kreativität, Innovation und Führungsqualitäten werden durch KI nicht obsolet, sondern aufgewertet. Wer im Umgang mit KI-Systemen kritisch urteilen, Ergebnisse einordnen und Entscheidungen verantworten kann, wird zum wertvollsten Akteur im Betrieb.
Der ambivalente Wandel sozialer Kompetenzen
Soziale und emotionale Fähigkeiten wie Empathie, Kommunikation und Teamarbeit galten lange als Immunisierung gegen Automatisierung. Doch es gibt erste Warnsignale: In Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien glauben mehr Führungskräfte, dass algorithmische Managementtools ihren Bedarf an Empathie verringern (20 Prozent), als solche, die eine Zunahme melden (12 Prozent). Die OECD mahnt zur Vorsicht bei der Interpretation dieser Signale, betont aber die Notwendigkeit, nicht nur Produktivitätswirkungen, sondern auch Veränderungen in der Qualität von Arbeit, sozialer Interaktion und dem Wohlbefinden am Arbeitsplatz sorgfältig zu beobachten.
KI als Lösung für Fachkräftemangel
Ironischerweise wird KI nicht nur durch Qualifikationsmangel gebremst, sondern hilft auch dabei, ihn zu überbrücken. Fast zwei von fünf KMU berichteten von einem Arbeitskräftemangel in den vergangenen zwei Jahren, während ein Drittel über unzureichende Kompetenzen ihres Personals klagte. Generative KI springt hier ein: Rund 40 Prozent der KMU mit Qualifikationslücken berichten, dass generative KI dabei hilft, diese Lücken zu kompensieren, und ein Viertel nutzt sie als Ersatz für fehlende Arbeitskräfte. Japan liegt bei diesem Trend besonders weit vorn, wo 63 Prozent der KMU sagen, dass generative KI ihnen hilft, Qualifikationsdefizite auszugleichen.
Training zahlt sich aus
Die gute Nachricht: Viele Unternehmen handeln bereits. Mehr als die Hälfte der Beschäftigten, die KI nutzen, erhalten eine vom Arbeitgeber finanzierte Weiterbildung. Und dieser Einsatz lohnt sich messbar: Arbeitnehmer mit Schulung berichten deutlich häufiger von positiven Effekten durch KI, darunter bessere Arbeitsleistung, höhere Jobzufriedenheit und verbesserte Arbeitsbedingungen. Weiterbildung ist also kein Nice-to-have, sondern ein zentraler Hebel, um den Nutzen von KI auf breitere Schultern zu verteilen.
Was Politik jetzt tun muss
Der Policy Brief skizziert einen klaren Handlungsrahmen. Erstens müssen Regierungen die Veränderung von Qualifikationsbedarfen und KI-Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt kontinuierlich beobachten, auch mit Blick auf vulnerable Gruppen wie Frauen, Geringqualifizierte und Beschäftigte in KMU. Zweitens muss der Zugang zu KI-relevanter Weiterbildung skaliert werden, gerade für jene, die vom Wandel am stärksten betroffen sind. Drittens braucht es lebenslanges Lernen als institutionelles Prinzip, das Arbeitgeber, Arbeitnehmer und Staat gemeinsam tragen.
Viele Länder haben bereits KI-Strategien entwickelt und bieten steuerliche Anreize für betriebliche Weiterbildung an. Doch ein entscheidendes Defizit bleibt: Diese Massnahmen sind häufig nicht explizit auf KI-spezifische Kompetenzen ausgerichtet. Die Lücke zwischen allgemeiner Weiterbildungsförderung und gezielter KI-Qualifizierung muss politisch gezielt geschlossen werden.
Darüber hinaus muss Training Teil eines breiteren Pakets bleiben: Transparenz und Rechenschaftspflicht bei KI-Systemen, Schutz der Privatsphäre von Beschäftigten, Vermeidung von Diskriminierung durch algorithmische Entscheidungen und ein konstruktiver sozialer Dialog über KI am Arbeitsplatz sind keine nachgelagerten Fragen, sondern politische Kernaufgaben. Der Einsatz von KI am Arbeitsplatz muss fair, sicher und inklusiv gestaltet werden, sonst droht die Technologie nicht Brücken zu bauen, sondern bestehende Ungleichheiten zu vertiefen.
Kernbotschaften
- Bei der Diskussion über Künstliche Intelligenz (KI) stehen oft technologische Durchbrüche, Algorithmen und Investitionszahlen im Vordergrund. Doch während KI die Arbeitswelt weiter verändert, hängt der Nutzen für die Volkswirtschaften womöglich weniger von der Technologie selbst ab als von den Kompetenzen der Menschen, die sie anwenden.
- Ein Mangel an Kompetenzen bremst die Einführung von KI: Viele Unternehmen, insbesondere kleine und mittlere Unternehmen (KMU), berichten, dass fehlende Fachkenntnisse ihre Möglichkeiten zur Nutzung von KI einschränken. 40 % der Arbeitgeber im verarbeitenden Gewerbe und im Finanzsektor nennen fehlende Kompetenzen als Haupthindernis für die Einführung; dies gilt auch für mehr als die Hälfte der KMU, die keine generative KI einsetzen.
- Gleichzeitig erhöht KI die Anforderungen an die Qualifikation. Die Nachfrage verschiebt sich hin zu höherwertigen Kompetenzen; mehr als die Hälfte der Arbeitgeber im verarbeitenden Gewerbe und im Finanzsektor meldet einen steigenden Bedarf an hochqualifizierten Arbeitskräften.
- Der Kompetenzbedarf beschränkt sich nicht auf Programmierkenntnisse: Weniger als 1 % der Beschäftigten benötigen fortgeschrittene KI-Kenntnisse, während die Mehrheit digitale Kompetenzen sowie die Fähigkeit zur Nutzung, Analyse und Interpretation von Daten braucht. Daneben bleiben Managementfähigkeiten sowie menschliche Kompetenzen wie Problemlösungskompetenz, Kreativität und Innovationsfähigkeit wichtig.
- Viele Unternehmen investieren in die Umschulung und Weiterbildung ihrer Belegschaft, und mehr als die Hälfte der Beschäftigten, die KI nutzen, geben an, eine vom Arbeitgeber finanzierte Schulung erhalten zu haben. Diese Investition zahlt sich aus: Beschäftigte mit entsprechender Weiterbildung berichten eher von positiven Auswirkungen der KI-Einführung, etwa einer besseren Arbeitsleistung und verbesserten Arbeitsbedingungen.
- Politische Maßnahmen müssen darauf abzielen, den sich wandelnden Kompetenzbedarf zu beobachten, den Zugang zu KI-relevanten Kompetenzen zu erweitern – insbesondere für KMU und Beschäftigte, die Gefahr laufen, den Anschluss zu verlieren – sowie Möglichkeiten für lebenslanges Lernen und Umschulungen zu gewährleisten, wobei Arbeitgeber, Beschäftigte und Regierungen gemeinsam in der Verantwortung stehen.
- Weiterbildungsmaßnahmen müssen Teil eines umfassenderen politischen Pakets sein. Dazu gehören Bemühungen zur Förderung des sozialen Dialogs über den Einsatz von KI am Arbeitsplatz sowie Maßnahmen, die Transparenz, Erklärbarkeit und Rechenschaftspflicht fördern und sicherstellen, dass KI sicher und geschützt ist, die Privatsphäre der Beschäftigten wahrt und objektive Ergebnisse liefert, um bestehende Verzerrungen und Diskriminierungen am Arbeitsmarkt nicht zu perpetuieren oder zu verschärfen.
Quelle
OECD (2026), “AI and skills: What we know so far”, OECD Publishing, Paris, https://doi.org/10.1787/f843b352-en. Kontakt: Stijn Broecke, stijn.broecke @ oecd.org.
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