EADI Virtual Dialogues | Webinar-Zusammenfassung
Wie lassen sich Klimaresilienz, wirtschaftliche Entwicklung und soziale Gerechtigkeit auf dem afrikanischen Kontinent zusammendenken? Diesem zentralen Fragen widmete sich das EADI-Webinar „Green Economy and Rural Livelihoods in Africa: Policies and Implementation Pathways“ mit vier Forscherinnen und Praktikern aus Nigeria, Malawi, Südafrika und dem internationalen Agrarforschungssystem.
Kontext: Klimawandel trifft ländliche Räume
Ländliche Gemeinschaften in Afrika stehen vor einer doppelten Herausforderung: Sie sind einerseits tragende Säulen der Nahrungsmittelproduktion, der Artenvielfalt und des natürlichen Ressourcenmanagements, andererseits besonders anfällig gegenüber Klimafolgen wie Dürren, Überschwemmungen und Wüstenausbreitung. In 22 afrikanischen Ländern entlang der Sahelzone greift die Desertifikation landwirtschaftliche Flächen an; allein in Nigeria sind 11 Bundesstaaten von Landverlust und Bodendegradation betroffen, mit geschätzten Schadenskosten von über 20 Millionen US-Dollar. Diese Ausgangslage macht deutlich: Eine „grüne“ Transformation ist kein Luxus, sondern existenzielle Notwendigkeit.
Beitrag 1: Grüne Technologien und die Große Grüne Mauer in Nigeria
Dr. Cecy Balogun (Universität Johannesburg) stellte Feldforschung aus den nigerianischen Bundesstaaten Gombe, Kebbi und Sokoto vor, in denen die National Agency for the Great Green Wall interveniert. Das Programm setzt auf Kapazitätsaufbau in agrar- und nicht-agrarbasierte Bereiche, die Bereitstellung von Solarsystemen, Brunnenbau und energiesparenden Kochherden für Frauen sowie auf Wiederaufforstung und klimaresistente Landwirtschaft.
Die Ergebnisse sind zweischneidig: Begünstigte Haushalte verbesserten ihr Lebenskapital in allen Dimensionen (physisch, sozial, finanziell), während Nicht-Begünstigte infolge anhaltender Ressourcenkonflikte und Klimaschäden weitere Rückschritte verzeichneten. Ein zentrales Strukturproblem ist die geringe Reichweite: In Gemeinschaften mit Tausenden von Haushalten profitieren oft nur fünf Personen pro Programm. Zudem konzentriert sich die Entscheidungsmacht bei einflussreichen Eliten, während Frauen und Jugendliche zwar partizipieren, aber kaum finalen Einfluss haben.
Beitrag 2: Politikkohärenz für eine inklusive Green Economy (Africa RISING)
Dr. Carlo Azzarri (IFPRI) stellte das Africa RISING-Programm vor, das in Äthiopien, Mali, Malawi, Tansania und Sambia nachhaltige Intensivierung der Landwirtschaft erprobte. Kernprinzip war ein integrierter, sektorübergreifender Ansatz: statt punktueller Technologieeinführung wurde ein ganzes Bündel von Methoden wie Intercropping, Fruchtwechsel und Conservation Agriculture kombiniert und in Politikprozesse eingebettet.
In Malawi konnten Ernteerträge, Einkommenssicherheit, Ernährungsdiversität und Bodenschutz gleichzeitig verbessert werden; 1 Million Menschen wurden durch Skalierungspartnerschaften erreicht. Drei politische Integrationserfolge sind belegt: die offizielle Freigabe einer Bohnensorte durch die malawische Regierung, ortsspezifische Düngeempfehlungen in den Tansanischen Highlands sowie die Einführung einer Leguminosenmischkultur zur Bodenverbesserung. Azzarri betonte: Ohne eine durchdachte Kommunikationsstrategie gegenüber Entscheidungsträgern bleibt selbst exzellente Forschung wirkungslos („it will rest on the bookshelf“).
Beitrag 3: Bezahlbare grüne Technologien für Kleinbäuerinnen und Kleinbauern
Dr. Jama Mashele Mohale (Centre of Ecological Intelligence, Universität Johannesburg) rückte die Perspektive der Kleinbetriebe in den Mittelpunkt: Betriebe mit 0 bis 5 Hektar brauchen Lösungen, die keine Fehlinvestitionen riskieren. Statt teurer Hochleistungstechnologien empfahl sie ein Repertoire kostengünstiger, lokalverfügbarer Maßnahmen: Regenwassersammlung (z.B. Jojo-Tanks), Mulchen zur Wasserretention, Anbau klimaresilienter Kulturen wie Sorghum und Cassava, Kompostierung als Alternative zu Kunstdünger, Biogas aus organischem Abfall sowie Tropfbewässerung mit einfachsten Mitteln.
Ihr zentrales Argument: Diversifizierung des Betriebs (Fruchtfolge, Kleintierhaltung, Agrarverarbeitung) stärkt die Resilienz gegen Klimaschocks und instabile Märkte nachhaltiger als die Abhängigkeit von einem einzelnen Marktprodukt. An der Universität Johannesburg demonstriert ihr Zentrum diese Methoden direkt für Landwirtinnen und Landwirte und führt Webinare und Workshops durch, um Wissen praktisch zugänglich zu machen.
Beitrag 4: Klimafinanzierung und Gerechter Übergang in Südafrika
Mr. Devandran Pillay von der Presidential Climate Commission (PCC) Südafrikas kontextualisierte den grünen Wandel im Spannungsfeld von Arbeitslosigkeit, Armut und Dekarbonisierung. Von den 43 Milliarden US-Dollar Klimafinanzierung, die Afrika erreichen, fließen 87% aus internationalen Quellen, davon 43% über multilaterale Entwicklungsfinanzierungsinstitutionen; zugleich entfallen 46% auf Mitigation und nur 32% auf Anpassungsmaßnahmen, was eine klaffende Adaptionslücke offenbart.
Südafrika prognostiziert für den Übergang zu einer emissionsarmen Wirtschaft einen Nettobeschäftigungsgewinn von 600.000 bis 1,4 Millionen Arbeitsplätzen in den nächsten fünf bis sieben Jahren, vor allem in den Bereichen kritische Mineralien, grüner Stahl, Wasserstoff und nachhaltiger Luftfahrttreibstoff. Der Just-Transition-Ansatz der PCC gründet auf drei Gerechtigkeitsprinzipien (prozedurale, distributive und restorative Gerechtigkeit) und setzt auf gemeinschaftseigene erneuerbare Energieanlagen, kollektive Wertschöpfungsketten und evidenzbasierte Wirtschaftsplanung auf lokaler Ebene.
Übergreifende Erkenntnisse aus der Diskussion
Die anschließende Diskussion verdichtete einige Querschnittsthemen. Die Frage der Skalierbarkeit bleibt ungelöst: Wenn nur eine Handvoll Personen pro Dorf erreicht wird, verfehlt auch ein gut konzipiertes Programm seine strukturelle Wirkung. Nachhaltigkeit über den Förderzeitraum hinaus erfordert, dass Projekte auf nachgewiesener lokaler Nachfrage und tragfähigen Geschäftsmodellen aufbauen, statt inputabhängig zu sein. Die Moderatorin Dr. Olayinka Ajala (Leeds Beckett University) verwies auf das erfolgreiche Modell bäuerlicher Kooperativen in Westafrika als Weg, Wissen und Ressourcen kollektiv zu bündeln.
Einordnung für die Entwicklungszusammenarbeit
Das Webinar macht deutlich, dass eine inklusive grüne Transformation in Afrika weder top-down noch allein technologiegetrieben gelingen kann. Entscheidend sind politische Kohärenz über Sektorgrenzen hinweg, inklusive Beteiligungsstrukturen, die Frauen und Jugendliche mit echter Entscheidungsmacht ausstatten, sowie Klimafinanzierung, die wirklich auf Gemeindeebene ankommt und Anpassung nicht gegenüber Mitigation benachteiligt. Für Akteure der internationalen Entwicklungszusammenarbeit liefert das Webinar konkrete Ansätze und Fallbeispiele, die weit über Afrika hinaus relevant sind.
Das Webinar ist Teil der EADI Virtual Dialogues 2026. Das vollständige Video ist auf YouTube verfügbar: https://youtu.be/e-qw2d-dDwk
Transparenzhinweis: Der Autor ist Mitglied von EADI, war aber am zugrunde liegenden Event nicht beteiligt. Die dargestellten Ansichten geben ausschließlich die persönliche Einschätzung des Autors wieder und sind keiner der beteiligten oder verbundenen Organisationen zuzurechnen. Einzelne Text- und Bildelemente wurden unter Einsatz künstlicher Intelligenz erstellt. Irren ist menschlich. Die Inhalte wurden mit größtmöglicher Sorgfalt recherchiert und aufbereitet. Sollten dennoch sachliche Fehler enthalten sein, wird um einen entsprechenden Hinweis per E-Mail gebeten.