Saatgut, Souveränität und europäische Verantwortung

Bericht vom EU Food Justice Forum, Brüssel, 9. Juni 2026

(TL;DR) Das EU Food Justice Forum vom 9. Juni 2026 in Brüssel zog eine klare Linie: Europäische Handelspolitik schadet der globalen Ernährungssicherheit. Konkret erzwingt die EU über bilaterale Wirtschaftspartnerschaftsabkommen den Sortenschutzstandard UPOV 91 in afrikanischen und asiatischen Ländern, der Kleinbäuerinnen faktisch das Recht nimmt, eigenes Saatgut zu lagern und zu tauschen. Gleichzeitig drohen die EU-interne PRM-Reform und die Deregulierung neuer Gentechnik (NGT) die Saatgutvielfalt weiter zu erodieren und Konzernpatente auf Leben zu zementieren. Die Gegenbewegung ist im Aufbau: Partizipative Züchtungsprojekte, ein pan-afrikanisches Rahmenwerk für bäuerliche Saatgutsysteme und die Forderung nach echter Politikkohärenz zeigen, dass eine andere Agrarpolitik möglich ist, wenn der politische Wille dazu vorhanden ist.

Brüssel, 9. Juni 2026. In einer Welt, in der multinationale Agrarkonzerne Ernährungssysteme zunehmend als Finanzmarkt begreifen, versammelten sich Kleinbäuerinnen aus Simbabwe, Reiszüchter von den Philippinen und EU-Parlamentarierinnen in einem Brüsseler Veranstaltungszentrum. Das zivilgesellschaftlich organisierte EU Food Justice Forum stellte eine schlichte, aber politisch brisante These ins Zentrum: Wer das Saatgut kontrolliert, kontrolliert die Nahrung.

Wenn ein Menschenrecht verhandelt wird

Die Botschaft der Eröffnungssitzung war unmissverständlich. Mary Robinson, ehemalige UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, machte in einer vorab aufgezeichneten Videobotschaft deutlich, dass das Recht auf angemessene, sichere und nachhaltige Ernährung keine politische Option, sondern eine menschenrechtliche Verpflichtung ist. Gabriel Ferrero vom GAFSP (Global Agriculture and Food Security Program) ergänzte, dass dieses Recht in Zeiten eskalierender geopolitischer Krisen und schrumpfender Entwicklungsbudgets besonders gefährdet sei.

Die Plenarsitzungen legten offen, wie die internen und externen Politiken der EU, von der Gemeinsamen Agrarpolitik über die Entwicklungszusammenarbeit bis zu Handelsabkommen, globale Ernährungssysteme strukturell prägen. Kritisch diskutiert wurde auch die zunehmende Finanzialisierung der Landwirtschaft im Rahmen der EU-Strategie „Global Gateway“, bei der Land und Anbau als Investitionsvehikel für private Akteure fungieren, auf Kosten der Ernährungssouveränität im globalen Süden.

Das Saatgut als Konfliktkern

Der politisch brisanteste Moment des Tages spielte sich in Workshop D ab: „Seed Diversity and Farmers‘ Rights“. Hier wurde ein Widerspruch seziert, der entwicklungspolitisch von grundlegender Bedeutung ist. In Afrika, Asien und Lateinamerika stammen bis zu 90 Prozent des verwendeten Saatguts aus bäuerlich verwalteten Systemen (Farmer-Managed Seed Systems, FMSS), die das Rückgrat der Klimaresilienz und lokalen Ernährungssicherung bilden.

Locardia Shayamunda, Kleinbäuerin und Wissenschaftlerin aus Simbabwe, schilderte eindrücklich, wie die laufenden EPA-Verhandlungen zwischen der EU und Simbabwe dieses System unter Druck setzen. Der Sortenschutzstandard UPOV 91, den die EU systematisch über bilaterale Wirtschaftspartnerschaftsabkommen in afrikanischen und asiatischen Ländern durchzusetzen versucht, schränkt das Recht von Kleinbäuerinnen ein, eigenes Saatgut zu lagern, zu tauschen oder weiterzugeben. Für die 70 Prozent der simbabwischen Bevölkerung, die in ländlichen Gebieten leben, ist das keine Frage der Tradition, sondern des wirtschaftlichen Überlebens.

Vom philippinischen Netzwerk MASIPAG berichtete Kyle, dass ein geplantes EU-Freihandelsabkommen die kollektive Züchtungsarbeit von Bäuerinnen bedroht, die über 2.400 an das lokale Klima angepasste Reissorten erarbeitet haben. Madagaskar steht laut Forumsbericht kurz davor, unter massivem EU-Druck ein entsprechendes Abkommen zu unterzeichnen, das traditionelle Sorten durch importierten Hybridreis verdrängen könnte. Shayamunda brachte das strukturelle Problem auf den Punkt: Ein „One-Size-Fits-All“-Ansatz industrieller Saatgutkonzerne scheitert zwangsläufig in Ländern mit hochgradig diversen agrarökologischen Zonen.

Europas Gesetze als globale Schablone

Das Forum beleuchtete zwei aktuelle EU-Reformen, deren Folgen weit über Europa hinauswirken. Jean Thevenot, Kleinbauer aus dem Baskenland und Mitglied der Koordinierungskommission des Europäischen Verbands der bäuerlichen Landwirtschaft (ECVC), warnte vor der geplanten PRM-Reform (Pflanzenvermehrungsmaterial). Der Gesetzentwurf stuft nahezu jeden Saatguttausch, selbst den nicht-kommerziellen zwischen Bäuerinnen zur Erhaltung der Sortenvielfalt, als kommerziellen Vorgang ein. Eine Umfrage der Organisation ARCHE NOAH ergab, dass 30 Prozent der europäischen Kleinbetriebe ihr Sortenangebot unter dieser Regulierungslast reduzieren müssten und 13 Prozent vor dem wirtschaftlichen Aus stünden.

Parallel dazu sollen Neue Genomische Techniken (NGT) künftig ohne Risikoprüfung und Kennzeichnungspflicht zugelassen werden. Die entwicklungspolitische Gefahr liegt in der Patentierbarkeit natürlicher genetischer Eigenschaften: Gelangen patentierte Genveränderungen in die Felder traditioneller Landwirtinnen im globalen Süden, drohen Lizenzklagen. Der italienische Experte Ricardo Bocci nannte ein weiteres, oft übersehenes Problem: Viele afrikanische Staaten kopieren derzeit die veralteten, restriktiven EU-Saatgutgesetze, ohne zu wissen, dass Europa in den vergangenen zwei Jahrzehnten wichtige Ausnahmeregeln für Erhaltungs- und Biosorten erkämpft hat. Der globale Süden übernimmt damit die Fehler Europas, ohne dessen hart erarbeitete Flexibilität zu erben.

Wege aus der Uniformität

Das Forum endete nicht bei der Problemdiagnose. Drei Handlungsfelder wurden klar benannt. Erstens die partizipative Pflanzenzüchtung (PPB): Das italinische Projekt „Resilient Rice“ belegt, dass klimaresistente, nicht-uniforme Samenmischungen aus 16 Reissorten rechtlich vermarktbar sind und bäuerliches Wissen aktiv einbinden. Zweitens der Aufbau eigener gesetzlicher Rahmenwerke: Die African Food Sovereignty Alliance (AFSA) und die Afrikanische Union arbeiten an einem pan-afrikanischen Regelwerk für FMSS, das bäuerliches Saatgut rechtlich anerkennt statt kriminalisiert. Drittens die Forderung nach Politikkohärenz: Europäische NGOs wurden aufgerufen, die EU an ihre eigene rechtliche Verpflichtung zur „Politikkohärenz für Entwicklung“ zu erinnern und UPOV-91-Klauseln aus allen Freihandelsabkommen zu streichen.

Die Abschlussrunde, moderiert von Euractiv-Redakteur Angelo Di Mambro, betonte: Wer globale Ernährungsgerechtigkeit ernstnimmt, muss die von der Agrarindustrie forcierte Welt der Uniformität durch eine Welt der Diversität ersetzen. Das erfordert eine Allianz aus bäuerlichen Bewegungen des globalen Südens, europäischer Zivilgesellschaft und politisch bewussten Konsumentinnen.

Akteure und weiterführende Links

Organisationen und Netzwerke

EU Food Justice Forum
Veranstalter des Forums; Informationen zu Programm, Rednerinnen und Dokumentation.
foodjusticeforum.eu

La Via Campesina
Internationale Bäuerinnenbewegung; koordiniert weltweiten Widerstand gegen UPOV 91 und Patente auf Saatgut.
viacampesina.org

MASIPAG (Philippines)
Philippinisches Netzwerk für bäuerliche Züchtung und Reissortenvielfalt; dokumentiert Bedrohungen durch EU-Freihandelsabkommen.
masipag.org

African Food Sovereignty Alliance (AFSA)
Pan-afrikanisches Netzwerk; entwickelt eigenständiges Rahmenwerk für Farmer-Managed Seed Systems.
afsafrica.org

ARCHE NOAH
Österreichische Organisation zur Erhaltung von Kulturpflanzenvielfalt; Autorin der zitierten Umfrage zu PRM-Folgen für Kleinbetriebe.
arche-noah.at

FIAN International
Menschenrechtsorganisation für das Recht auf Nahrung; begleitet die UN-Erklärung über die Rechte von Bäuerinnen (UNDROP).
fian.org

IFOAM Organics Europe
Europäischer Dachverband des ökologischen Landbaus; vertritt Positionen zur GAP-Reform und PRM-Gesetzgebung.
ifoam-eu.org

VEN – Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt e.V.
Deutsches Netzwerk zum Erhalt von alten Sorten und Arten der Kulturpflanzen
nutzpflanzenvielfalt.org

Welthungerhilfe
Deutsche NGO; vertreten auf dem Forum durch ihren Länderdirektor für die Zentralafrikanische Republik.
welthungerhilfe.de

Food Watch France / foodwatch
Verbraucherrechtsorganisation; koordiniert die Abschlussdiskussion zur Nahrungssouveränität.
foodwatch.org

AGTER
Französische Denkfabrik zu Landrechten und Agrarreform; Präsident Robert Levesque sprach in Plenum 3.
agter.org

Politische Prozesse und Dokumente

Europäische Bürgerinitiative „Nahrung ist ein Menschenrecht“
Offizielle EBI, die EU-Bürgerinnen jetzt unterzeichnen können.
eci.ec.europa.eu

UPOV 91 (Sortenschutzstandard)
Erläuterung der UPOV-Konventionen durch den Internationalen Verband zum Schutz von Pflanzenzüchtungen.
upov.int

EU-Verordnungsvorschlag zu Pflanzenvermehrungsmaterial (PRM)
Aktuelle Gesetzgebungsdokumente der EU-Kommission.
ec.europa.eu/food/plants/plant-reproductive-material

EU-Verordnung zu Neuen Genomischen Techniken (NGT)
Legislativprozess und Positionen im EU-Parlament.
europarl.europa.eu

Global Agriculture and Food Security Program (GAFSP)
Multilateraler Fonds, in dem Gabriel Ferrero als Strategieberater tätig ist.
gafspfund.org

Mehr dazu: