Erkenntnisse aus dem GIZ-Projekt Green Markets Brasilien 2016–2020
Kontext
Das GIZ-Projekt „Green Markets and Sustainable Consumption in Brazil“ (PN 2015.2131.9) wurde im Rahmen des deutschen Tropenwald-Kooperationsprogramms mit Brasilien umgesetzt und adressierte ein zentrales entwicklungspolitisches Dilemma: die fortschreitende Entwaldung Amazoniens. Die Hauptursache liegt nicht allein in mangelnder Umweltpolitik, sondern im fehlenden wirtschaftlichen Marktzugang für Produkte aus nachhaltigem Waldmanagement, die von rund 250.000 Familien in Kooperativen und Sammlergemeinschaften produziert werden. Das Projekt ist Teil eines Multi-Geber-Programms mit einem deutschen Gesamtbeitrag von EUR 257 Millionen, der durch GIZ, KfW und die Physikalisch-Technische Bundesanstalt umgesetzt wird.
Geografisch konzentrierte sich das Projekt auf die vier brasilianischen Bundesstaaten Acre, Amazonas, Amapá und Pará mit zwei Pilotregionen im Süden Amazonas‘ und im Süden Amapás. Die Zielgruppen sind lokale Gemeinschaften traditioneller Bevölkerungsgruppen (Kautschukzapfer, Sammler, Quilombolas) sowie über 160 indigene Völker und Kleinfarmerfamilien in schwer zugänglichen Gebieten mit hohen Armutsraten.
Überblick über die Intervention
Das Projekt lief vom 1. Oktober 2016 bis 31. Juli 2020 (3 Jahre und 10 Monate) mit einem Budget von EUR 5,1 Millionen, beauftragt durch das BMZ und umgesetzt durch GIZ in Zusammenarbeit mit dem Eco Consulting/IPAM-Konsortium. Das brasilianische Landwirtschaftsministerium (MAPA) war der zentrale nationale Durchführungspartner.
Der Ansatz war bewusst mehrstufig strukturiert und verband drei miteinander verknüpfte Handlungsfelder:
| Ebene | Hauptkomponente | Fokus |
| Makro (Komponente A) | Politikförderung | Implementierung nationaler Vermarktungsprogramme (PLANAPO, PAA, PNAE) |
| Meso (Komponente B) | Kapazitätsaufbau | Stärkung ländlicher Beratungsdienste und Wissensmanagement |
| Mikro (Komponente C) | Marktentwicklung | Direkter Marktzugang, Branding, nachhaltige Konsumkampagnen |
Als innovatives Merkmal entwickelte das Projekt das Kapazitätsprogramm CapGestão, das Berater*innen ländlicher Extensionsdienste für die Beratung von Kooperativen qualifizierte, sowie fünf Vermarktungskammern in vier Bundesstaaten als Multi-Akteur-Dialogplattformen.
Evidenz: Was funktioniert hat
Das Projekt übertraf alle vier Hauptindikatoren. Der Wert der Sozio-Biodiversitätsprodukte in den staatlichen Beschaffungsprogrammen (PNAE und PAA) stieg in den zwei Pilotregionen um 146 Prozent gegenüber dem Basisjahr, weit über das Ziel einer Verdoppelung hinaus. Die Anzahl großer und mittlerer Unternehmen, die ökologischen und sozialen Mehrwert ihrer Produkte aus Sozio-Biodiversität kommunizieren, stieg von 15 auf 24 (Ziel: 23), was einem Zielerreichungsgrad von 104 Prozent entspricht. Der Output-Indikator für die Genderintegration wurde mit 250 Prozent Zielerreichung besonders stark übertroffen.
Wirkungshypothesen: Zwei zentrale Wirkungshypothesen wurden bestätigt. Erstens verbesserte das Kapazitätsprogramm CapGestão die Beratungsqualität ländlicher Extensionsdienste nachweislich, was Kooperativen befähigte, Marktchancen wahrzunehmen. Zweitens generierten innovative Instrumente wie Wertschöpfungskettenentwicklung, Kampagnen, Branding und öffentlich-private Partnerschaften (PPP) messbare Wirkungen bei Unternehmen und Konsument*innen. Die Vermarktungskammern schufen institutionalisierte Dialogräume zwischen staatlichen, zivilgesellschaftlichen und privatwirtschaftlichen Akteuren, die nachweislich über das Projektende hinaus aktiv blieben.
Unerwartete positive Wirkungen: Die Trainingsmaterialien von CapGestão und CapGestores wurden von anderen Organisationen wie IPAM und Instituto Humanize repliziert. Während der COVID-19-Pandemie stiegen Nachfrage und soziale Vernetzung sogar: Private Märkte zeigten eine wachsende Nachfrage nach Bio-Produkten, und einige Partner meldeten eine Nachfragesteigerung im Origens-Programm von 30 Prozent.
Evidenz: Was nicht funktioniert hat
Das Projekt blieb bei der Nachhaltigkeitsbewertung mit 72 von 100 Punkten nur „mäßig erfolgreich“, da die Ergebnisverankerung in Partnersystemen unvollständig war. Die institutionellen Schwankungen, insbesondere die Auflösung des Agrarministeriums MDA 2016 und die anschließende Neustrukturierung unter dem Bolsonaro-Regierung, unterbrachen Kontinuitäten erheblich. Das ursprüngliche Leitdokument PLANAPO wurde eingestellt, und ein Teil der strategischen Rahmenbedingungen auf Bundesebene fiel weg.
Auf der Wirkungsebene erreichte das Projekt mit 71 von 100 Punkten nur eine „mäßig erfolgreiche“ Bewertung. Trotz nachgewiesener Outputs und Outcomes auf lokaler und Staatsebene reichte der Beobachtungszeitraum nicht aus, um Wirkungen auf Entwaldungsraten oder auf nationale Politik messbar zu machen. Das Evaluationsteam stellt fest, dass makroökonomische Treiber der Entwaldung durch ein einzelnes Projekt von EUR 5,1 Millionen nicht bekämpft werden können. Zudem drohte eine Verdrängung traditioneller Produzent*innen, sobald Amazoniensprodukte wie Açaí-Beeren auch in industriellen Großplantagen produziert werden, was das Konzept der Sozio-Biodiversität aushöhlt.
Perspektiven der Stakeholder
Die Projektevaluation wurde durchgehend remote durchgeführt und umfasste Interviews, Fokusgruppen, Workshops sowie eine Online-Umfrage mit 46 Teilnehmenden (24 weiblich, 22 männlich) unter CapGestão-Absolvent*innen. Insgesamt wurden über 70 Personen aus staatlichen Institutionen, Zivilgesellschaft, Privatsektor und Universitäten einbezogen.
Ein externer Stakeholder fasste die Wahrnehmung treffend zusammen: „Green Markets war eines der erfolgreichsten und geschicktesten Projekte, das ich von der GIZ gesehen habe; es gelang ihm, Zivilgesellschaft, Regierung und Privatsektor zu versöhnen.“ Kooperativen und Produzent*innen betonten, dass die CapGestão-Schulungen grundlegende Managementlücken schlossen; eine Organisation in Amazonas, die zuvor Märkte gänzlich gemieden hatte, konnte durch das Programm erstmals aktiv am Marktgeschehen teilnehmen. Fallstudien wurden zu Wertschöpfungsketten für Pirarucu (Arapaima gigas), Paranuss, Açaí und zu Partnerschaften mit Natura und Symrise im Kosmetiksektor durchgeführt.
Gender: Frauen in Amazoniengemeinden sind strukturell benachteiligt durch traditionelle Geschlechterrollen und geringeren politischen Einfluss. Der Output-Indikator 3 zu Gender-Tools in Vermarktungsprogrammen erreichte 250 Prozent Zielerreichung, was auf einen deutlichen Hebel bei der Einbeziehung von Frauen in Planungsprozesse hinweist. Die Evaluation empfiehlt ausdrücklich, Frauen künftig systematisch als Erwerbstätige, Händlerinnen und Führungspersönlichkeiten in Folgeprojekten einzubeziehen. Ob die Partizipation von Frauen in Kooperativen strukturell verankert wurde, bleibt offen.
Schutzstandards (Safeguards): Das Projekt war kontext- und konfliktsensibel ausgerichtet, da es in einem komplexen politischen Umfeld operierte (Regierungswechsel, institutionelle Umstrukturierungen). Keine unbeabsichtigten negativen Wirkungen auf Konflikte wurden identifiziert. Das Kernrisiko liegt im menschenrechtlich relevanten Bereich der Verdrängung traditioneller Bevölkerungsgruppen durch industrielle Akteure bei steigender Nachfrage nach Biodiversitätsprodukten; dieses Risiko wurde identifiziert, aber durch das Projekt noch nicht vollständig adressiert. Empfohlen wird der Aufbau robuster Herkunftskontrollsysteme und die Sicherstellung, dass Fördergelder nicht für freiwillige Vereinbarungen ohne nachweisliche Wirkung genutzt werden.
Methodische Hinweise
Die Evaluation folgte dem OECD/DAC-Kriterienkatalog (Relevanz, Wirksamkeit, Wirkung, Effizienz, Nachhaltigkeit) und basierte auf einer hypothesengeleiteten Wirkungsanalyse mit Beitragsanalyse (Contribution Analysis). Als qualitative Methoden wurden Outcome-Harvesting, offene und halbstrukturierte Einzelinterviews, Fokusgruppen, Workshops und Dokumentenanalyse eingesetzt. Die Evaluation wurde vollständig als Fernevaluation unter COVID-19-Bedingungen durchgeführt, was den Zugang zu indigenen Gemeinschaften und traditionellen Bevölkerungsgruppen einschränkte.
Ein quasi-experimentelles Design wurde erwogen, aber verworfen, da die vier Projektstaaten keine vergleichbaren Kontrollgruppen unter anderen Amazonasstaaten bieten. Die GIZ-Effizienz-Tools passten nicht vollständig auf das Programmansatz-Design des Projekts, was zu methodischen Einschränkungen bei der Kostenallokation führte.
Wichtige Datenpunkte und Indikatoren
| Indikator | Basiswert | Zielwert | Endwert | Zielerreichung |
| Wert Sozio-Biodiversitätsprodukte in PNAE/PAA (2 Pilotregionen) | BRL 1.357.776 | BRL 2.715.552 | BRL 3.200.312 | 118% |
| Unternehmen, die Mehrwert kommunizieren | 15 | 23 | 24 | 104% |
| Stakeholdergruppen mit Gender-Tools | 0 | 2 | 5 | 250% |
| Umsatzsteigerung Kooperativen (inflationsbereinigt) | Basiswert | +20% | +22% | 112% |
| Gesamtbewertung OECD/DAC | 81/100 | „erfolgreich“ | ||
| Projektbudget BMZ | EUR 5,1 Mio. | EUR 4.482.441 verausgabt |
Erkenntnisse (Lessons Learned)
Das zentrale Erfolgsrezept des Projekts war die Kombination aus langfristiger Programmeinbettung, Multi-Akteur-Vernetzung und kontextsensiblem Steuern trotz erheblicher politischer Turbulenzen. Der Wechsel des Hauptpartners von MDA zu MAPA, der zunächst als Risiko galt, erwies sich rückblickend als Chance, da MAPA mehr operative Schnittstellen zur Bioökonomie-Agenda hat. Öffentliche und private Märkte erwiesen sich als komplementär: Beschaffungsprogramme wie PAA und PNAE stärkten Kooperativen, und der Aufstieg dieser organisierten Strukturen öffnete dann den Weg zu privaten Märkten.
Als wichtige Negativerkenntnis gilt: Ohne robuste Herkunftssysteme können steigende Nachfragen nach Biodiversitätsprodukten traditionelle Gemeinschaften destabilisieren, wenn industrielle Anbieter in dieselben Wertschöpfungsketten eintreten. Die digitale Kluft stellte zunehmend ein Ausschlussmerkmal dar; zukünftige Projekte müssen Internetinfrastruktur und Energieversorgung als Basisvoraussetzungen mitdenken.
Potenzial für Skalierung und Übertragbarkeit
Das Vermarktungskammer-Modell hat nachweislich Interesse in anderen brasilianischen Bundesstaaten (Tocantins, Rondônia) geweckt, die von den Kammern als Vorbild sprechen. Die Trainingsmodule CapGestão und CapGestores wurden bereits von IPAM und Instituto Humanize repliziert, was auf ein hohes Übertragungspotenzial hinweist. Eine direkte Skalierung erfordert jedoch stabile institutionelle Strukturen auf Staatsebene, politischen Willen sowie eine flächendeckende digitale Infrastruktur als Mindestvoraussetzungen.
Das Nachfolgeprojekt „Bioeconomy and Supply Chains“ (PN 2019.2348.1, Budget EUR 4 Millionen, Februar 2021 bis Januar 2024) knüpft gezielt an Governance- und Marktentwicklungskomponenten an. Das Konzept der Sozio-Biodiversitäts-Vermarktung ist auf andere Biodiversitätszonen Brasiliens (Cerrado, Atlantischer Regenwald) und grundsätzlich auf andere Länder mit ähnlichen Rahmenbedingungen übertragbar.
Implikationen für Politik und Programmgestaltung
Für BMZ und Geberorganisationen: Die Kooperation Deutschland-Brasilien zum Waldschutz und zur nachhaltigen Ressourcennutzung sollte fortgeführt und stärker mit globalen und regionalen Portfolios (IKI, TEEB, PBAB) verknüpft werden. Freiwillige Vereinbarungen zu entwaldungsfreien Lieferketten müssen durch robuste Herkunftskontrollsysteme untermauert werden, um Mitnahmeeffekte zu vermeiden. Frauen müssen systematisch als Akteurinnen in allen Projektstufen einbezogen werden.
Für Durchführungsorganisationen: Das mehrstufige Drei-Ebenen-Design (Makro/Meso/Mikro) hat sich als effektiver Strukturrahmen bewährt und sollte als Blaupause für ähnliche Nachhaltigkeitsprojekte genutzt werden. Safeguard-Mechanismen müssen explizit sicherstellen, dass traditionelle Gemeinschaften und vulnerable Bevölkerungsgruppen von Bioökonomiemaßnahmen profitieren, nicht aus Märkten verdrängt werden. Eine gerechte Digitalisierung muss als Bestandteil jeder künftigen Strategie eingeplant werden.
Für die brasilianische Regierung: Das MAPA-Programm „Bioeconomia Brasil Sociobiodiversidade“ bietet einen konkreten Anknüpfungspunkt für die systematische Einbindung multi-sektoraler Partnerschaften. Die konzeptionelle Debatte um Bioökonomie muss die Stimmen der Bevölkerung Amazoniens einschließen, da der Begriff politisch bisher nicht abschließend geklärt ist.
Weiterführende Ressourcen und Links
- GIZ (Durchführende Organisation): giz.de/evaluierung
- BMZ (Auftraggeber und Finanzierungspartner): bmz.de
- Madiba Consult GmbH (Evaluationsbüro): madiba-consult.de
- IPAM (Instituto de Pesquisa Ambiental da Amazônia, Konsortiumspartner): ipam.org.br
- Imaflora (Partnerorganisation Unternehmensanbindung): imaflora.org
- Instituto Conexsus (PPP-Partner): conexsus.org
- Verwandtes Nachfolgeprojekt: „Bioeconomy and Supply Chains“ (PN 2019.2348.1, GIZ Brasilien)
- Wissensplattform: agroecologia.gov.br (PLANAPO-Portal)
- CapGestores – Capacitação de gestores públicos https://www.facebook.com/groups/2409744655904314
- Aterbook https://www.facebook.com/aterbookamazonia
- YouTube Aterbook https://www.youtube.com/@aterbook834/videos
- PLANAPO / Agroecological Brazil (archived): gov.br
Zitierweise des Berichts
Weitzenegger, Karsten, and Monika Röper. Central Project Evaluation: Green Markets and Sustainable Consumption in Brazil. Project Number 2015.2131.9. Evaluation Report. Madiba Consult GmbH, on behalf of Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH, June 2021. giz2021-0272en-projectevaluation-green-markets-brazil.pdf. Accessed 20 May 2026.
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