Die EU-Strategie „Global Gateway“ in Lateinamerika kritisch begleiten

Neues Handbuch stärkt Zivilgesellschaft

Die „Global Gateway“-Initiative der Europäischen Union verspricht Milliardeninvestitionen in Infrastruktur, grüne Energie und Digitalisierung im globalen Süden. Doch was oft als partnerschaftliche Entwicklungskooperation präsentiert wird, birgt tiefgreifende ökologische und soziale Risiken für die Länder in Lateinamerika und der Karibik.

In einem kürzlich veranstalteten Webinar stellten die Netzwerke CIDSE, Counter Balance und Red EU-LAT ein neues, praxisnahes „Handbuch für Ausbilder:innen“ vor, das Licht ins Dunkel dieser Megaprojekte bringen soll.

Europäische Interessen vs. lokale Bedürfnisse Lora Verheecke, Autorin des Handbuchs (Counter Balance), und Pablo Ramírez (Taula per Mèxic) machten im Workshop deutlich, dass Global Gateway stark darauf ausgerichtet ist, europäische Unternehmensinteressen, Wettbewerbsfähigkeit und den Zugang zu strategischen Rohstoffen zu sichern. Durch komplexe Finanzinstrumente wie das sogenannte „De-Risking“ übernehmen öffentliche Entwicklungsbanken die finanziellen Risiken, während die Profite an private europäische Investoren fließen. In der Praxis führt dies oft zu extraktivistischen Großprojekten – etwa beim Abbau von Lithium oder der Produktion von grünem Wasserstoff in Ländern wie Chile oder Mexiko –, die den lokalen Gemeinschaften Land und Wasser entziehen.

Ein Werkzeug für mehr Transparenz und Mitsprache Da diese Projekte oft durch mangelnde Transparenz und ein fehlendes Mitspracherecht der betroffenen Gemeinden gekennzeichnet sind, bietet das neue Handbuch eine entscheidende Gegenstrategie. Es befähigt lokale Organisationen und indigene Gemeinschaften dazu:

  • Mechanismen zu verstehen: Die drei Schulungsmodule erklären detailliert, wie Global Gateway finanziert wird, welche Akteure (wie die Europäische Investitionsbank) beteiligt sind und was sich hinter dem von der EU beworbenen „360-Grad-Ansatz“ verbirgt.
  • Projekte zu überwachen: Es zeigt auf, in welchen der fünf Projektphasen (von der Konzeption bis zur Umsetzung) zivilgesellschaftliche Akteure am effektivsten intervenieren und Informationen einfordern können.
  • Einfluss zu nehmen: Ziel ist es, Strategien zu entwickeln, um Umweltschäden und Menschenrechtsverletzungen präventiv zu verhindern oder bestehende Beschwerdemechanismen zu nutzen.

Wie es weitergeht Die Schulungen und das Handbuch bilden den Grundstein für den Aufbau eines geplanten „Global Gateway Observatory“. Dieses zivilgesellschaftliche Überwachungsnetzwerk soll künftig Projekte noch systematischer evaluieren und die Einhaltung von Menschenrechten und Umweltstandards einfordern.

Was sind konkrete Risiken für lokale Gemeinschaften in Lateinamerika?

Die Global-Gateway-Projekte bergen für lokale Gemeinschaften in Lateinamerika weitreichende soziale, ökologische und menschenrechtliche Risiken:

  • Ressourcenausbeutung: Großprojekte für kritische Rohstoffe oder grünen Wasserstoff beanspruchen enorme Mengen an Land und Wasser vor Ort, während die gewonnene Energie meist komplett nach Europa exportiert wird.
  • Vertreibung und fehlende Mitsprache: Oft fehlt es an Studien zu sozialen Auswirkungen oder der gesetzlich vorgeschriebenen, vorherigen Konsultation der Anwohner. In der Praxis drohen Gemeinschaften Zwangsvertreibungen und Konflikte. In einigen Regionen befeuern massive Infrastrukturmaßnahmen sogar kriminelle Ökonomien, was zu Zwangsarbeit und Erpressung führen kann.
  • Zerstörung der Lebensgrundlagen: Geplante Infrastruktur wie Bahnstrecken, Staudämme oder Häfen bedroht sensible Ökosysteme (etwa im Amazonasgebiet oder im Golf von Kalifornien), was die Lebensgrundlage indigener und traditioneller Gemeinschaften zerstört.
  • Wirtschaftliche Benachteiligung: Die Projekte sind oft so strukturiert, dass die Gewinne an private europäische Unternehmen fließen, während die lokalen Regierungen die finanziellen Risiken und zusätzlichen Schulden tragen müssen.

Was verbirgt sich hinter dem De-Risking-Finanzmodell?

Hinter dem „De-Risking“ verbirgt sich eine Strategie zur finanziellen Risikominderung, mit der gezielt private Investoren für Projekte angelockt werden sollen. Dabei übernehmen öffentliche Entwicklungsbanken das finanzielle Risiko eines Vorhabens, um es für Privatunternehmen sicherer zu machen.

In der Praxis führt das zu einer ungleichen Verteilung: Scheitert ein Projekt, trägt der öffentliche Sektor die finanziellen Verluste. Ist das Projekt jedoch erfolgreich, fließen die Gewinne an die privaten Investoren, während diese lediglich ihren ursprünglichen Kredit an die öffentliche Bank zurückzahlen müssen.

Was ist das Ziel des geplanten Global Gateway Observatory?

Das geplante „Global Gateway Observatory“ hat das Ziel, ein zivilgesellschaftliches Netzwerk aufzubauen, das die Projekte systematisch überwacht. Es soll vergleichen und dokumentieren, in welchen Regionen und bei welchen Projekten die lokalen Gemeinschaften tatsächlich profitieren und wo sie stattdessen negative Auswirkungen, wie Landraub oder Umweltschäden, erfahren.

Mit diesen gesammelten Beweisen wollen die Organisationen dann gezielt politischen Einfluss ausüben, insbesondere auf die Europäische Kommission. So sollen schädliche Projekte verhindert und konkrete Verbesserungen für die nächste europäische Förderstrategie ab 2028 durchgesetzt werden.

Wie soll das Global Gateway Observatory konkret finanziert werden?

Die genaue Finanzierung des gesamten „Global Gateway Observatory“ steht noch nicht endgültig fest, da es sich aktuell noch um ein Zukunftsprojekt handelt.

Für den nächsten Schritt, ein Pilotprojekt in Peru im kommenden Jahr, gibt es jedoch bereits Unterstützung von den Mitgliedern der Organisation „Manos Unidas“. Die Initiatoren hoffen, darüber hinaus weitere finanzielle Ressourcen und Unterstützung von lateinamerikanischen Partnern zu finden, um das Observatorium langfristig und vollständig aufzubauen.

Publikation

Lora Verheecke (Counter Balance), con la participación de Susana Hernández (CIDSE), María Giovanna Teijido Vázquez y Magdalena Bordagorry (Red EU-LAT)
Mayo 2026. cidse.org/2026/06/11/global-gateway-manual-para-personas-formadoras/  (accessed 10.06.2026).


Transparenzhinweis: Der Autor war an der besprochenen Studie selbst nicht beteiligt. Der vorliegende Beitrag spiegelt allein die Auffassung des Autors wider und kann keiner genannten Organisation zugeordnet werden. Bei der Erstellung von Text und Bild kam unterstützend künstliche Intelligenz zum Einsatz. Irren ist menschlich. Wer faktische Fehler findet, darf sie durch eine Nachricht an uns prüfen lassen.