(tl;dr) Ein neuer Evaluierungsbericht analysiert das technische Assistenzprojekt „Sanadcom MSME Capacity Building with a Special Focus on Gender Finance“, das die Oesterreichische Entwicklungsbank AG (OeEB) gemeinsam mit Women’s World Banking (WWB) Capital Partners zwischen 2019 und 2021 mit dem jordanischen Nichtbankenfinanzinstitut Sanadcom durchgeführt hat. Die Ex-post-Evaluierung wurde im Juli 2025 von Kore Global im Auftrag der OeEB durchgeführt und untersucht Relevanz, Kohärenz, Effektivität, Effizienz und Wirkung der Maßnahme anhand der OECD-DAC-Kriterien. Zentrale Ergebnisse zeigen, dass die Intervention institutionelle Reformen bei Kreditrichtlinien, IT-Systemen und Personalschulungen anstieß, die zu einer verbesserten Portfolioqualität, kürzeren Bearbeitungszeiten und einer gestärkten geschlechtersensiblen Unternehmenskultur führten, wobei die Frauenbeteiligung in der Führungsebene weiterhin eine Herausforderung bleibt.
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Kontext
Sanadcom ist ein 2013 gegründetes, von der jordanischen Zentralbank lizenziertes Nichtbankenfinanzinstitut, das sich auf Geschäftskredite für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) spezialisiert hat, die weder von Mikrofinanzinstituten noch von Geschäftsbanken bedient werden. Das Unternehmen ist Teil des WWB-Capital-Partners-Portfolios, in das die OeEB seit 2014 mit 4,8 Millionen US-Dollar Eigenkapital investiert ist, mit dem strategischen Ziel, den Zugang von Frauen zu Finanzdienstleistungen auszubauen. In Jordanien stellen KMU über 99 Prozent der registrierten Unternehmen und rund 60 Prozent der Beschäftigung, erhalten jedoch nur etwa 10 bis 11 Prozent der gesamten Bankkredite, wobei Unternehmerinnen aufgrund fehlender Sicherheiten und geschlechtsspezifischer Risikowahrnehmungen zusätzlichen Barrieren gegenüberstehen. Die entwicklungspolitische Herausforderung bestand somit darin, ein institutionell tragfähiges Finanzierungsmodell für die sogenannte „fehlende Mitte“ von wachsenden, formalisierenden Kleinunternehmen zu schaffen, die zwischen Mikrofinanz und klassischer Bankenfinanzierung fällt.
Überblick über die Intervention
Die technische Assistenz gliederte sich in zwei Phasen: Die erste identifizierte institutionelle und operative Lücken und integrierte Genderaspekte in Kreditrichtlinien, Verfahren und Risikobewertungsinstrumente, während die zweite, geleitet von der Frankfurt School of Finance and Management, gezielte Schulungen und Beratungsleistungen für Mitarbeitende in den Bereichen Kredit, Vertrieb, Risiko und Kundenbetreuung anbot. Insgesamt nahmen 45 Mitarbeitende an dem Kapazitätsaufbauprogramm teil, davon 24 mit einer MSME-Finanzierungszertifizierung, und 10 Personen erhielten eine Ausbildung zu Multiplikatorinnen und Multiplikatoren (Training of Trainers), um genderresponsive Praktiken intern zu verankern. Innovativ war der integrative Ansatz, Genderaspekte durchgängig in alle Schulungsmodule einzubetten, anstatt sie isoliert zu behandeln, was von den Befragten als besonders praxisrelevant und übertragbar bewertet wurde.
Evidenz: Was funktioniert hat
Die Evaluierung dokumentiert greifbare institutionelle und klientenbezogene Ergebnisse als Outputs und kurzfristige Outcomes: Sanadcom führte standardisierte Kreditrichtlinien, genderresponsive Verfahren und Anreizsysteme für Mitarbeitende zur Gewinnung und Bindung von Kundinnen ein, wodurch sich Bearbeitungszeiten verkürzten und Ablehnungsraten sanken. Als mittelfristige Wirkung erreichte Sanadcom bis Ende 2025 eine ausgeglichene Geschlechterverteilung von 50 zu 50 Prozent bei den Beschäftigten, deutlich über dem nationalen Durchschnitt von 35 Prozent, und berief seine erste weibliche Geschäftsführerin. Von der Intervention profitierten primär Unternehmerinnen aus dem gehobenen Mikrofinanzsegment, die von der Muttergesellschaft Microfund for Women (MFW) zu Sanadcom wechselten, da ihre wachsenden Betriebe größere, formellere Finanzierungsprodukte benötigten. Als unerwartete positive Wirkung trug die durch die TA geschaffene solide Grundlage dazu bei, dass Sanadcom den Break-Even-Punkt erreichte, während mehrere Wettbewerber aus dem Markt ausschieden.
Evidenz: Was nicht funktioniert hat
Die Reformen konzentrierten sich überwiegend auf Kredit- und Inkassoprozesse, während andere Funktionsbereiche wie genderresponsiver Vertrieb, Personalwesen, Beschaffung, Risikomanagement und Marketing intern weiterentwickelt werden mussten und nicht systematisch von der TA erfasst wurden. Die COVID-19-Pandemie zwang Sanadcom, nichtfinanzielle Dienstleistungen wie Unternehmensberatung und Netzwerkveranstaltungen für Kundinnen einzustellen, was die Breite der Unterstützung für Frauen einschränkte. Zudem fehlte dem Projekt von Beginn an eine explizite Theory of Change, wodurch systematisches Monitoring und Anpassung während der Umsetzung erschwert wurden und die Evaluatorinnen und Evaluatoren die Wirkungslogik retrospektiv rekonstruieren mussten. Ein von der Frankfurt School entwickeltes Konzeptpapier mit weiterführenden Empfehlungen zur genderresponsiven Geschäftsstrategie konnte aufgrund interner Budgetbeschränkungen nicht umgesetzt werden.
Perspektiven der Stakeholder
Für die Evaluierung wurden 27 Stakeholder befragt, darunter OeEB-Mitarbeitende, WWB-Vertreterinnen und -Vertreter, Sanadcom-Führungskräfte und -Personal sowie Unternehmerinnen und Ökosystemakteure, ergänzt durch eine fünftägige Erhebungsmission in Jordanien. Als Fallstudien wurden Einzelinterviews mit Kundinnen und Kunden anstelle der ursprünglich geplanten Fokusgruppendiskussionen durchgeführt, basierend auf Empfehlungen von Sanadcom zur besseren Erreichbarkeit der Klientinnen und Klienten. Eine befragte Unternehmerin berichtete, ihren Umsatz über ein Jahrzehnt durch acht Darlehen von Sanadcom von 70.000 auf 700.000 US-Dollar gesteigert zu haben, während männliche Kunden vor allem die schnelle Bearbeitungszeit als entscheidenden Vorteil gegenüber Banken hervorhoben. Hinsichtlich Gender zeigen die Daten, dass Frauen zwar 82 Prozent der Mikrofinanzkundschaft, jedoch nur 18,7 Prozent der Bankkreditnehmenden in Jordanien ausmachen, was die strukturelle Finanzierungslücke unterstreicht, die Sanadcom zu schließen versucht. Zu Schutzstandards liefert der Bericht keine expliziten Aussagen zu Konflikt- oder Menschenrechtsdimensionen, da der Fokus der Evaluierung auf wirtschaftlicher Teilhabe und institutioneller Kapazität lag.
Methodische Hinweise
Die Evaluierung kombinierte eine Dokumentenanalyse mit qualitativen Schlüsselinformanteninterviews und wandte eine nachträglich rekonstruierte Theory of Change als analytischen Rahmen an, der mit OeEB-Mitarbeitenden abgestimmt wurde. Aufgrund der seit Projektabschluss verstrichenen Zeit wählte das Evaluierungsteam eine bewusste, zielgerichtete Stichprobenziehung (purposive sampling), was zwar das Risiko einer Selektionsverzerrung birgt, jedoch durch unabhängige Überprüfung der Interviewliste auf Vielfalt nach Abteilung, Rolle und Geschlecht abgemildert wurde. Eine wesentliche Einschränkung bestand im Fehlen von Basisdaten (Baseline), wodurch die Möglichkeit, Fortschritte kausal zuzuordnen, begrenzt war.
Wichtige Datenpunkte und Indikatoren
| Indikator | Wert |
| Geschlechterverteilung der Beschäftigten (2025) | 50 Prozent Frauen, 50 Prozent Männer, gegenüber 35 Prozent nationalem Durchschnitt |
| Geschulte Mitarbeitende | 45, davon 24 mit MSME-Zertifizierung, 10 als Multiplikatorinnen und Multiplikatoren |
| Finanzierte Unternehmen | 1.490 Unternehmen über 2.890 Darlehen, davon 9 Prozent frauengeführt |
| Anteil der KMU an Bankkrediten (Jordanien) | 10 bis 11 Prozent |
| Projektkosten | 172.295 US-Dollar tatsächlich gegenüber 157.000 US-Dollar geplant |
| Kreditlaufzeit und -höhe | 10.000 bis 75.000 JOD, bis zu 60 Monate |
Erkenntnisse (Lessons Learned)
Der partizipative Gestaltungsprozess unter früher Einbindung von Vorstand, Geschäftsführung und operativen Teams erwies sich als zentraler Erfolgsfaktor für die Relevanz der Maßnahme. Die Pandemie wirkte paradoxerweise sowohl als Hindernis, da nichtfinanzielle Dienstleistungen eingestellt wurden, als auch als Katalysator, da Mitarbeitende mehr Zeit für Schulung und interne Reflexion hatten. Die Erfahrung zeigt zudem, dass die Einbettung von Gender in alle Schulungsmodule statt in isolierte Sitzungen die Akzeptanz und Nachhaltigkeit deutlich erhöht.
Potenzial für Skalierung und Übertragbarkeit
Der diagnosegetriebene, kontextspezifische Gestaltungsansatz, die durchgängige Gender-Integration und die Verknüpfung mit leistungsbezogenen Kennzahlen bilden nach Einschätzung der Evaluierenden ein übertragbares Modell für andere Finanzpartner der OeEB. Voraussetzung für eine erfolgreiche Skalierung ist jedoch, dass künftige TA-Projekte verbindliche Basis- und Folgeerhebungen sowie eine leichte Theory of Change bereits zu Projektbeginn vorsehen, um Fortschritte messbar zu machen. Für Geldgeber empfiehlt der Bericht, digitale Bereitschaftsprüfungen als Standardbestandteil neuer TA-Projekte einzuführen, da schwache IT-Infrastruktur wiederholt als Nachhaltigkeitsbarriere identifiziert wurde.
Weiterführende Ressourcen und Links
Die durchführende Organisation OeEB ist über oe-eb.at erreichbar, während Informationen zu Women’s World Banking unter womensworldbanking.org verfügbar sind. Weitere Fallstudien zu Portfolio-Evaluierungen von Entwicklungsfinanzierungsinstitutionen im Bereich Gender-Lens-Investing finden sich bei Kore Global unter koreglobal.org/case-study/dfi-portfolio-evaluations. Ergänzende Kontextstudien stammen von der GIZ (giz.de) zur Finanzinklusion in Jordanien sowie vom Economic Research Forum zu jordanischen KMU.
Zitierweise des Berichts
Kore Global. OeEB Sanadcom Evaluation Final Report. Oesterreichische Entwicklungsbank AG, 2025. Online: https://www.oe-eb.at/news-presse/news/2026/sanadcom-evaluierung.html [accessed 02.07.2026]