Wenn Evidenz zur Überlebensfrage wird: Wie Evaluierung die Demokratie verteidigen muss

Weniger als 30 Prozent der Weltbevölkerung leben heute in einer Demokratie, vor zwei Jahrzehnten waren es noch 50 Prozent – für Peter van der Knaap, Präsidenten der European Evaluation Society, Anlass zur Warnung, Demokratie nicht als selbstverständlich hinzunehmen. Er beschreibt eine Symbiose: Ohne unabhängige Evaluierung fehlt demokratischer Regierungsführung die Rechenschaftsgrundlage, ohne demokratische Freiheiten verkommt Evaluierung zum Feigenblatt für Machthabende. Evaluierung erfüllt vier zentrale Funktionen – Rechenschaft, systemisches Lernen, Partizipation abgehängter Gruppen und Wahrheitsanker gegen Fake News – woraus drei Handlungsmaximen folgen: zurück zur politischen Ursprungsfrage vor der Methodenwahl, aktive Rolle als „Boundary Workers“ im öffentlichen Diskurs, und das physische Einbeziehen betroffener Bürgerinnen und Bürger bei Präsentationen.

Als Evaluator arbeite ich täglich mit Logframes, Indikatoren und Wirkungsmodellen. Ich beobachte gleichzeitig eine Medienwelt, in der Fakten zunehmend an Bedeutung verlieren. In einer Zeit, die von Populismus, massiver Informationsüberflutung und „Fake News“ geprägt ist, stehen wir an einem kritischen Punkt. Hier sind meine Gedanken dazu nach dem Vortrag EvalVoices: Session 5 – „Evaluating for Democracy across Policy and Practice“ mit Peter van der Knaap. Er ist ein niederländischer Evaluationsfachmann und Leiter von IOB, der Evaluationsarbeit, Politik und Governance verbindet. Peter wird President der European Evaluation Society, die ihre Jahrestagung im Oktober 2026 dem Thema Demokratie widmet.

Ein aktueller Vortrag von Peter van der Knaap, Direktor für unabhängige Evaluierung im niederländischen Außenministerium und Präsident der Europäischen Evaluierungsgesellschaft, bringt diese Dringlichkeit schonungslos auf den Punkt: Weltweit leben heute weniger als 30 % der Bevölkerung in einer Demokratie – vor zwei Jahrzehnten waren es noch 50 %. Die liberale Demokratie ist unter massivem Druck, bedroht durch autoritäre Akteure, den Vertrauensverlust der Bürger und die Unfähigkeit der Politik, langfristige Krisen wie den Klimawandel jenseits kurzer Wahlzyklen zu lösen.

In diesem Kontext ist Evaluierung weit mehr als eine technische Übung zur Überprüfung von Projektgeldern. Sie ist ein politischer Akt und eine unverzichtbare Säule der demokratischen Regierungsführung.

Die Symbiose: Keine Evaluation ohne Demokratie, keine Demokratie ohne Evaluation

Van der Knaap formuliert eine klare Symbiose: Qualitativ hochwertige und unabhängige Evaluierung ist für das ordnungsgemäße Funktionieren demokratischer Regierungen unverzichtbar. Gleichzeitig benötigen wir Evaluator*innen zwingend die Schutzräume, die uns nur eine liberale Demokratie bieten kann: Meinungsfreiheit, Forschungsfreiheit und die Wahrung der Menschenrechte. Ohne diese Freiheiten verkommt unsere Arbeit zu einem Feigenblatt, das lediglich die Handlungen der Mächtigen („white-washing“) legitimiert.

Evaluierung erfüllt in diesem demokratischen Gefüge vier überlebenswichtige Funktionen:

  1. Rechenschaft und Performance: Wir liefern Politikern und der Öffentlichkeit verlässliche Informationen darüber, ob Maßnahmen effektiv sind und das Geld der Steuerzahler im Sinne des Mehrheitswillens eingesetzt wird.
  2. Systemisches Lernen: Wir beantworten die Frage: Was funktioniert, was nicht und welche unerwarteten Nebenwirkungen treten auf? Dies zwingt Regierungen, Verantwortung für ihre Lernprozesse zu übernehmen.
  3. Partizipation und Responsivität: Durch partizipative Methoden können wir der Repräsentationslücke entgegenwirken. Wir helfen, die Stimmen jener Menschen – etwa in ländlichen Regionen –, die sich von den politischen Eliten in den Hauptstädten abgehängt fühlen, systematisch in den politischen Prozess einzubinden.
  4. Ein Anker der Wahrheit: In einer Ära, in der Algorithmen und soziale Medien verlässliche Informationen verzerren, bietet die Evaluierung eine methodisch fundierte, verlässliche Informationsquelle.

Konsequenzen für unsere Praxis: Was wir jetzt ändern müssen

Was bedeutet dieser hohe Anspruch nun konkret für unseren Evaluierungsalltag? Wenn wir nicht nur Berichte für die Schublade produzieren wollen, müssen wir unsere Praxis radikal überdenken. Aus dem Vortrag lassen sich drei zentrale Handlungsmaximen für Evaluator*innen ableiten:

  1. Geht zurück zur politischen Ursprungsfrage! Wir dürfen uns nicht blind in methodischen Details verlieren. Bevor wir einen Evaluierungsbericht konzipieren, müssen wir uns fragen: Was war die ursprüngliche politische Debatte? Warum wurde damals entschieden, Steuergelder für dieses spezifische Programm auszugeben? Was war die echte Ambition der Entscheidungsträger? Wenn wir unsere Evaluierungsfragen direkt aus diesen ursprünglichen politischen Zielen ableiten, stellen wir sicher, dass wir höchste Relevanz erzeugen und uns nicht dem Vorwurf aussetzen, rein politisch motiviert zu bewerten. Wir müssen die richtigen Fragen stellen, bevor wir die richtigen Methoden wählen.
  2. Werdet zu „Boundary Workers“ (Grenzgängern)! Es reicht nicht mehr aus, exzellente Forschung zu betreiben, wenn wir nicht in der Lage sind, diese Ergebnisse den Entscheidungsträgern verständlich zu vermitteln. Wir Evaluator*innen müssen als Vermittler („Boundary Workers“) agieren, die komplexe Daten in handlungsrelevantes politisches Wissen übersetzen. Darüber hinaus dürfen wir uns nicht damit zufriedengeben, unsere Berichte nur intern beim Auftraggeber (z. B. einem Ministerium) abzugeben. Unsere Erkenntnisse müssen über die Mauern der Institutionen hinaus in den öffentlichen Diskurs getragen werden, um echte demokratische Rechenschaft zu ermöglichen.
  3. Holt die Bürger*innen physisch mit in den Raum! Politiker und Entscheidungsträger in Hauptstädten sind oft extrem weit von der Lebensrealität der Menschen entfernt, die von ihren Programmen betroffen sind. Eine der mächtigsten Methoden in unserer Praxis ist es, diese Distanz zu überbrücken. Wir müssen nicht nur über die Zielgruppen sprechen, wir müssen ihnen das Wort erteilen. Wenn wir bei Präsentationen von Evaluierungsergebnissen betroffene Bürger direkt in den Raum holen – damit sie den Entscheidungsträgern persönlich erklären können, warum ein Programm ihr Leben verbessert hat oder grandios gescheitert ist –, hinterlässt das einen weitaus tiefgreifenderen Eindruck als jede trockene Datenpräsentation.

Fazit: Nehmt die Demokratie nicht als selbstverständlich hin

Wir müssen uns bei jedem Auftrag unangenehme Fragen stellen: Sind wir wirklich frei in der Wahl unserer Methoden? Dürfen wir ungeschönt aufschreiben, was wir herausgefunden haben („speaking truth to power“)?

Wie Peter van der Knaap eindringlich warnt: „Nehmt die Demokratie nicht als selbstverständlich hin“. Es ist unsere verdammte Pflicht als Evaluator*innen, uns bei jedem neuen Projekt zu fragen: Hilft diese Arbeit tatsächlich unserer Demokratie, oder dient sie am Ende etwas anderem? Wenn unsere Evidenz nicht dazu dient, Politik besser, transparenter und bürgernäher zu machen, haben wir unseren gesellschaftlichen Auftrag verfehlt.

About EvalVoices

EvalVoices is a space for evaluators, by evaluators – a platform driven by voices from the field to advance how we talk about and practise evaluation. Anchored in the EU’s commitment to an “evaluate first” culture, as highlighted in the  Evaluation Policy for EU External Action (10/06/2026) and the Better Regulation Guidelines, the EvalVoices initiative serves as an inclusive platform to facilitate the exchange of knowledge and insights amongst evaluation professionals and thought leaders. It explores what works, and what doesn’t under which circumstances – while sharing cutting-edge tools, methods and approaches that shape relevant, context sensitive, inclusive, and successful evaluation practices.