Eine neue Studie des Ibero-Amerika Instituts für Wirtschaftsforschung (IAI) der Universität Göttingen zeigt, dass die deutsche Entwicklungszusammenarbeit (EZ) einen deutlich stärkeren Effekt auf die deutsche Exportwirtschaft hat als bisherige Berechnungen nahelegten. Für den Zeitraum 2005 bis 2024 ermitteln die Forschenden, dass jeder Euro bilateraler deutscher EZ mittel- bis langfristig zusätzliche deutsche Waren- und Dienstleistungsausfuhren von durchschnittlich 2,50 Euro auslöst, ein Vielfaches der 0,36 Euro, die eine Vorgängerstudie mit den Daten bis 2023 noch berechnet hatte (Martínez-Zarzoso und Lessing 2026; KfW Entwicklungsbank 2024). Die dadurch ausgelösten Exporte tragen laut Studie zur Schaffung und Sicherung von rund 379.000 Arbeitsplätzen in Deutschland bei, vor allem im Maschinenbau, im Transportsektor, in der Informationstechnologie sowie in der Chemie- und Elektroindustrie. Erstmals bezieht die Untersuchung neben Warenexporten auch Dienstleistungsexporte ein und wertet dafür Handelsdaten für fünf europäische Geberländer, Deutschland, Dänemark, die Niederlande, Norwegen und Schweden, mit einem Gravitationsmodell des Außenhandels aus. Die Autorin und der Autor betonen zugleich methodische Einschränkungen: Ein alternatives, ebenfalls in der Studie verwendetes Schätzverfahren (Pseudo-Poisson-Maximum-Likelihood) findet für Deutschland keinen statistisch signifikanten Effekt, während das robustere Langfrist-Verfahren (Panel Dynamic Feasible Generalised Least Squares) durchgehend signifikante und positive Werte liefert. Die Studie versteht ihre Ergebnisse ausdrücklich als robuste empirische Zusammenhänge, nicht als gesicherte Kausalaussagen, und warnt vor einer einseitigen Neuausrichtung der EZ an kurzfristigen Exportrenditen.
Kontext
Die Studie „More than Meets the Port: Donor Export Effects of Foreign Aid Revisited“ von Jonathan Lessing und Inmaculada Martínez-Zarzoso wurde im Juli 2026 als Diskussionspapier Nr. 258 des Ibero-Amerika Instituts für Wirtschaftsforschung der Georg-August-Universität Göttingen veröffentlicht und von der KfW Entwicklungsbank im Rahmen ihrer Reihe „Entwicklungspolitik Kompakt“ aufgegriffen (Lessing 2026). Im Zentrum steht die entwicklungspolitische Debatte darüber, ob und in welchem Umfang Entwicklungszusammenarbeit auch dem Geberland selbst wirtschaftlich zugutekommt, eine Frage, die angesichts angespannter öffentlicher Haushalte und wachsender öffentlicher Kritik an EZ-Ausgaben in mehreren europäischen Geberländern politisch an Bedeutung gewonnen hat.
Die Analyse betrachtet fünf nordeuropäische Geberländer, Dänemark, Deutschland, die Niederlande, Norwegen und Schweden, im Zeitraum von 2005 bis 2024. Diese Ländergruppe wurde gewählt, um unterschiedliche Größenordnungen und EZ-Motivlagen vergleichend abzubilden: Deutschland gilt als größter Geber und größter Exporteur der Gruppe, die Niederlande verfolgen traditionell eine handelsorientierte EZ-Politik, während die nordischen Geber für einen besonders altruistisch geprägten Ansatz bekannt sind. Als Zielgruppen des Beitrags gelten entwicklungspolitische Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger, Geberorganisationen, exportorientierte Unternehmen sowie eine breitere Fachöffentlichkeit, die sich mit der wirtschaftlichen Legitimation von EZ-Ausgaben befasst. Geografisch bezieht sich die Untersuchung auf die bilateralen Handelsbeziehungen zwischen diesen fünf Geberländern und 106 bis 138 Empfängerländern weltweit.
Die strategische Relevanz der Studie liegt darin, dass sie erstmals systematisch auch Dienstleistungsexporte in die Aid-Trade-Analyse einbezieht, ein Bereich, der in der bisherigen Forschung weitgehend unberücksichtigt blieb, obwohl Dienstleistungen mittlerweile 15 bis 50 Prozent der Exporte der Geberländer in EZ-Empfängerländer ausmachen (Martínez-Zarzoso und Lessing 2026, S. 4).
Die Ergebnisse unterstreichen damit auch die wirtschaftliche Bedeutung langfristiger Partnerschaften mit Entwicklungs- und insbesondere aufstrebenden Schwellenländern für Deutschland als Exportnation. Entwicklungsministerin Reem Alabali Radovan dazu: „Wer bei Entwicklungspolitik nur sieht, was Deutschland ausgibt, übersieht, was Deutschland dadurch gewinnt. Die neue Studie der Universität Göttingen zeigt: Ein Euro Entwicklungszusammenarbeit geht mit 2,50 Euro zusätzlichen deutschen Exporten einher. Das stärkt unsere Unternehmen und sichert Arbeitsplätze bei uns. Ich habe gerade in Indonesien erlebt, wie groß das Interesse an deutscher Technologie und deutschen Investitionen ist. In einer Welt, in der der Wettbewerb um Märkte, Rohstoffe und Partner härter wird, können wir es uns nicht leisten, anderen das Feld zu überlassen. Gute Entwicklungspolitik hilft unseren Partnern – und sie liegt ganz klar im Interesse Deutschlands.“ (BMZ Pressemeldung 24.08.2026).
Überblick über die Studie
Bei der untersuchten Intervention handelt es sich nicht um ein einzelnes Projekt, sondern um die Gesamtheit der bilateralen öffentlichen Entwicklungszusammenarbeit (Official Development Assistance, ODA) der fünf Geberländer, wie sie im Zeitraum 2005 bis 2024 tatsächlich an Empfängerländer ausgezahlt wurde. Das Ziel der Studie ist es, den kausalen beziehungsweise robust-korrelativen Zusammenhang zwischen dieser EZ und den Exporten der Geberländer zu quantifizieren und daraus Beschäftigungs- und Wertschöpfungseffekte für die Geberwirtschaften abzuleiten.
Methodisch verwenden die Forschenden ein Gravitationsmodell des Außenhandels, das etablierte Handelsdeterminanten wie Wirtschaftsgröße, Wechselkurse und Freihandelsabkommen kontrolliert und um bilaterale EZ-Zahlungen als zusätzlichen erklärenden Faktor erweitert. Als Kernschätzverfahren dient ein Panel Dynamic Feasible Generalised Least Squares-Modell (PDFGLS), das langfristige Gleichgewichtsbeziehungen abbildet und für Endogenität sowie Autokorrelation kontrolliert; als Robustheitscheck kommt zusätzlich ein Pseudo-Poisson-Maximum-Likelihood-Modell (PPML) zum Einsatz. Innovativ ist vor allem die Einbeziehung von Dienstleistungsexporten über die OECD-WTO-Datenbank „Balanced Trade in Services“ (BaTIS), die erstmals seit 2005 verlässliche, zwischen Export- und Importländern abgeglichene Dienstleistungshandelsdaten bereitstellt. Zudem wird die sektorale Wirkung für 40 Industriezweige einzeln geschätzt und mittels Input-Output-Analyse (auf Basis der World Input-Output Database) in Beschäftigungs- und Wertschöpfungseffekte übersetzt.
Ein methodisch wichtiges Detail betrifft die Datenbasis: Die verwendete bilaterale ODA deckt je nach Geberland nur zwischen 12 und 44 Prozent der insgesamt gemeldeten EZ-Leistungen ab, da multilaterale, regionale und nicht eindeutig zurechenbare Mittel ausgeschlossen wurden (Martínez-Zarzoso und Lessing 2026, S. 11). Die Forschenden weisen ausdrücklich darauf hin, dass die tatsächlichen Gesamteffekte der deutschen EZ auf den Außenhandel daher vermutlich höher liegen als die berichteten Werte.
Evidenz: Was funktioniert hat
Die Studie liefert für Deutschland den robustesten und am stärksten belegten Befund der gesamten Untersuchung. Im PDFGLS-Hauptmodell führt eine Erhöhung der deutschen bilateralen EZ um zehn Prozent zu einem statistisch auf dem Ein-Prozent-Niveau signifikanten Anstieg der deutschen Exporte um 1,1 Prozent (Martínez-Zarzoso und Lessing 2026, Tabelle 1). Umgerechnet auf Basis der Durchschnittswerte 2005 bis 2024 ergibt dies einen Renditebereich von 1,88 bis 3,11 US-Dollar zusätzlicher Exporte pro eingesetztem Dollar EZ, mit einem Punktschätzer von 2,50 US-Dollar. Dieser Wert liegt am oberen Rand vergleichbarer Studien zu anderen OECD-Geberländern und deutlich über dem Ergebnis einer Vorgängerstudie für den Zeitraum 1973 bis 2011, die für Deutschland eine Rendite von lediglich 0,83 Euro pro Euro ermittelt hatte (Martínez-Zarzoso et al. 2016, zitiert in Martínez-Zarzoso und Lessing 2026, S. 3).
Auf Ebene der Outputs zeigt die sektorale Zerlegung, dass der EZ-Effekt für Deutschland in 32 von 40 untersuchten Industriezweigen statistisch und ökonomisch signifikant ist. Die größten wirtschaftlichen Hebel liegen in Sektoren, die sowohl einen robusten statistischen Zusammenhang als auch ein hohes Exportvolumen aufweisen: Maschinenbau (Elastizität 0,19, Anteil an zusätzlichen Gesamtexporten 4,9 Prozent), Transportfahrzeuge (0,25, 4,6 Prozent), Computer und elektronische Erzeugnisse (0,18, 4,0 Prozent) sowie Chemieprodukte (0,18, 3,6 Prozent). Über alle fünf Geberländer hinweg zeigen sich vier wiederkehrende Sektor-Cluster mit besonders robusten Effekten: Chemie- und Pharmaprodukte, Elektroausrüstung, Maschinen- und Transportausrüstung, Wasser- und Lufttransportdienstleistungen sowie das Gastgewerbe.
Auf Ebene der Outcomes und längerfristigen Wirkungen übersetzt die Studie diese Exporteffekte mittels Input-Output-Analyse in konkrete Beschäftigungs- und Wertschöpfungswirkungen. Für Deutschland ergeben sich für den Zeitraum 2005 bis 2024 rund 378.933 gesicherte beziehungsweise geschaffene Arbeitsplätze sowie ein durchschnittlicher Beitrag von 37,8 Milliarden US-Dollar zur deutschen Wertschöpfung (Bruttoinlandsprodukt) (Martínez-Zarzoso und Lessing 2026, S. 20). Diese Effekte fallen für die anderen untersuchten Geberländer deutlich kleiner aus (28.782 Arbeitsplätze für die Niederlande, 17.014 für Schweden, 1.487 für Dänemark, 720 für Norwegen), was mit der Größe der jeweiligen Volkswirtschaften und EZ-Volumina zusammenhängt.
Ein zentraler neuer Befund betrifft den Dienstleistungssektor: Erstmals weist die Studie signifikante positive EZ-Effekte auch für deutsche Dienstleistungsexporte nach, etwa im Landtransport (Elastizität 0,37), im Bausektor (0,23), in der Telekommunikation (0,22) und im Lufttransport (0,17). Für Deutschland sichern diese Dienstleistungsexporte weitere rund 40.918 Arbeitsplätze und 2,78 Milliarden US-Dollar Wertschöpfung. Die Forschenden führen dies auf Komplementaritäten zurück: EZ-finanzierte Infrastrukturprojekte erzeugen Nachfrage nach begleitenden Ingenieur-, Beratungs- und Ausbildungsleistungen aus dem Geberland.
Hinsichtlich der Nachhaltigkeit der Effekte zeigt die Studie, dass der Zusammenhang auch nach Kontrolle für „Aid for Trade“ (also Hilfe, die gezielt Handelsinfrastruktur fördert) statistisch signifikant bleibt, wenn auch mit geringerer Koeffizientengröße (Martínez-Zarzoso und Lessing 2026, Tabelle 3). Dies deutet darauf hin, dass die Wirkung überwiegend über indirekte Kanäle läuft, wie höhere Importfähigkeit durch wirtschaftliche Entwicklung im Empfängerland, Vertrauensbildung und Gewöhnungseffekte, statt über direkte Lieferbindungen (Tied Aid). Von der Wirkung profitieren insbesondere Schwellenländer mit mittlerem Einkommen: Für obere Mitteleinkommensländer errechnet die Studie eine Rendite von bis zu 6,26 US-Dollar pro eingesetztem Dollar deutscher EZ, während sie für die am wenigsten entwickelten Länder (LDC) mit rund 0,50 US-Dollar erheblich niedriger ausfällt (Martínez-Zarzoso und Lessing 2026, S. 19). Unerwartet positiv ist der Befund, dass sich die Effekte über nahezu den gesamten Beobachtungszeitraum als stabil erweisen; ein unerwartet kritischer Nebenbefund ist die schwächere Wirkung nach 2019, die die Forschenden mit Handelsstörungen durch die Corona-Pandemie und veränderten EZ-Vergabemustern nach Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine in Verbindung bringen.
Evidenz: Was nicht funktioniert hat
Die Studie benennt mehrere Bereiche, in denen die erwarteten Zusammenhänge nicht oder nur eingeschränkt bestätigt wurden. Am deutlichsten zeigt sich dies bei der Wahl des Schätzverfahrens: Während das PDFGLS-Langfristmodell für Deutschland, die Niederlande und Schweden durchgehend positive und signifikante Effekte liefert, findet das alternative PPML-Modell für Deutschland keinen statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen EZ und Exporten; signifikant ist in diesem Modell lediglich der Koeffizient für Norwegen (Martínez-Zarzoso und Lessing 2026, Tabelle 6 und 7). Die Autorin und der Autor erklären dies damit, dass beide Verfahren unterschiedliche Aspekte der Daten abbilden (Kurz- versus Langfristdynamik, Umgang mit Nullhandelsflüssen), räumen aber ein, dass die Ursachen für diese Diskrepanz weiterer Forschung bedürfen.
Für Dänemark und Norwegen liefert das PDFGLS-Hauptmodell über den vollen Zeitraum 2005 bis 2024 keine statistisch signifikanten Ergebnisse; bei Norwegen kehrt sich der Effekt im gemeinsamen Fünf-Länder-Modell sogar signifikant negativ (Tabelle 5), was die Forschenden als möglicherweise durch heterogene Empfängerlandgruppen verzerrtes Ergebnis interpretieren, das sich in Subgruppenanalysen teilweise auflöst.
Auf sektoraler Ebene zeigen sich für Deutschland acht von 40 Sektoren ohne belastbaren EZ-Effekt, darunter Fischerei, Abfallwirtschaft, Wassertransport, Post- und Kurierdienste sowie Verlagswesen; für diese Bereiche konnte kein signifikanter statistischer Zusammenhang hergestellt werden, weshalb auch keine Beschäftigungs- oder Wertschöpfungseffekte berechnet wurden. Dies widerlegt die These, EZ wirke pauschal in allen Wirtschaftsbereichen exportfördernd, und untermauert die Notwendigkeit einer differenzierten, sektorspezifischen Betrachtung.
Auch die Aid-for-Trade-Hypothese, wonach der EZ-Handelseffekt vor allem über gezielte Handelsinfrastrukturförderung wirkt, wird für Deutschland nicht bestätigt: Der Koeffizient der Aid-for-Trade-Variable ist für Deutschland und Norwegen statistisch nicht signifikant, während er für Dänemark, die Niederlande und Schweden signifikant positiv ausfällt (Martínez-Zarzoso und Lessing 2026, Tabelle 3). Für Deutschland scheinen somit vor allem die allgemeinen, indirekten Wirkungskanäle der EZ und nicht die gezielte Handelsförderung ausschlaggebend zu sein.
Perspektiven der Stakeholder
Die Studie selbst ist eine rein quantitativ-ökonometrische Sekundärdatenanalyse ohne begleitende qualitative Erhebung. Interviews mit Begünstigten, Umsetzungspartnerinnen und -partnern oder lokalen Institutionen wurden nicht durchgeführt, und es liegen keine Fallstudien zu einzelnen Ländern oder Projekten vor. Eine Analyse aus der Perspektive von Männern, Frauen oder weiteren Geschlechtern auf Ebene der Begünstigten ist in dieser Untersuchung methodisch nicht angelegt, da sich die Daten ausschließlich auf aggregierte Handels- und Beschäftigungsstatistiken auf Länder- und Sektorebene beziehen.
Als institutionelle Stimme kommt in der begleitenden KfW-Publikation Brigitte Réthier, Vorstandsmitglied der KfW Bankengruppe, zu Wort. Sie ordnet die Ergebnisse aus Sicht der durchführenden Entwicklungsbank ein: „Die Ergebnisse zeigen, dass die deutsche Entwicklungszusammenarbeit zu spürbaren Exporteffekten führt. Davon profitiert auch unsere heimische Wirtschaft und mit ihr viele Arbeitsplätze in Deutschland. Der Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklung in Partnerländern verbindet sich mit wirtschaftlichen Chancen und Interessen“ (KfW Entwicklungsbank 2026). Diese Einordnung betont vor allem die Vereinbarkeit von entwicklungspolitischen und wirtschaftlichen Zielen und weniger mögliche Zielkonflikte, die die Studienautorinnen und -autoren selbst in ihrem Fazit deutlicher benennen.
Gender
Die Studie enthält keine nach Geschlecht disaggregierten Daten oder Analysen. Weder auf der Ebene der Handelsdaten noch bei den berechneten Beschäftigungseffekten (etwa Arbeitsplätze nach Geschlecht der Beschäftigten) wird eine geschlechtsspezifische Aufschlüsselung vorgenommen. Dies liegt in der Natur der verwendeten volkswirtschaftlichen Aggregatdaten (Außenhandelsstatistiken, Input-Output-Tabellen) begründet, die auf dieser Ebene keine Geschlechterdifferenzierung zulassen. Für eine geschlechtersensible Bewertung der Wirkungen wären ergänzende mikroökonomische oder qualitative Erhebungen auf Ebene der betroffenen Unternehmen und Beschäftigten in Deutschland sowie in den Partnerländern erforderlich, die im vorliegenden Diskussionspapier nicht geleistet werden.
Schutzstandards (Safeguards)
Die Studie äußert sich nicht explizit zu Konflikt- und Kontextsensibilität oder zur Einhaltung menschenrechtlicher Standards in der untersuchten Entwicklungszusammenarbeit; dies liegt außerhalb ihres makroökonomischen Untersuchungsgegenstands. Implizit berührt die Untersuchung jedoch eine entwicklungspolitisch relevante Frage der Kontextsensibilität: Die Forschenden weisen darauf hin, dass die höchsten monetären Exportrenditen bei größeren Schwellenländern mit mittlerem Einkommen erzielt werden, während die am wenigsten entwickelten Länder (LDC) deutlich geringere Rückflüsse für das Geberland erbringen (Martínez-Zarzoso und Lessing 2026, S. 19). Die Autorin und der Autor warnen selbst ausdrücklich davor, EZ-Vergabeentscheidungen an dieser Erkenntnis auszurichten, da eine Ausrichtung auf kurzfristige Exportrenditen im Zielkonflikt zu entwicklungspolitischen Prioritäten in ärmeren Ländern stehen könnte. Dieser Hinweis ist als eine Form von Schutzgedanken im weiteren Sinne zu verstehen: Er schützt die entwicklungspolitische Zielsetzung, insbesondere gegenüber den ärmsten Partnerländern, vor einer Verdrängung durch rein handelspolitische Erwägungen.
Methodische Hinweise
Die Untersuchung basiert auf einem Gravitationsmodell des Außenhandels, das mittels eines Panel Dynamic Feasible Generalised Least Squares-Verfahrens (PDFGLS) geschätzt wird. Dieses Verfahren berücksichtigt langfristige Gleichgewichtsbeziehungen zwischen EZ und Exporten sowie mögliche Rückwirkungen des Handels auf die EZ-Vergabe (Endogenität) und Autokorrelation in den Störgrößen. Als Robustheitscheck kommt ergänzend ein Pseudo-Poisson-Maximum-Likelihood-Modell (PPML) zum Einsatz, das besser mit heteroskedastischen Daten und Nullhandelsflüssen umgehen kann.
Die Datenbasis umfasst bilaterale Nettozahlungen der öffentlichen Entwicklungszusammenarbeit aus der OECD-Datenbank zur Entwicklungshilfe (ohne Entschuldungsmaßnahmen), Warenhandelsdaten von CEPII auf Basis von UN-COMTRADE sowie erstmals Dienstleistungshandelsdaten aus der OECD-WTO-Datenbank „Balanced Trade in Services“ (BaTIS), die seit 2005 verfügbar ist. Für die Übersetzung von Exporteffekten in Beschäftigungs- und Wertschöpfungswirkungen wird die World Input-Output Database (WIOD) herangezogen, deren letzte verfügbare Ausgabe sich auf das Jahr 2016 bezieht.
Als methodische Einschränkungen benennen die Forschenden selbst: Erstens deckt die verwendete bilaterale ODA je nach Geberland nur 12 bis 44 Prozent der insgesamt gemeldeten EZ-Leistungen ab, multilaterale und nicht eindeutig zurechenbare Mittel bleiben unberücksichtigt. Zweitens beruht die Input-Output-Analyse auf vereinfachenden Annahmen wie konstanten Skalenerträgen und der Vernachlässigung von Substitutionseffekten zwischen Vorleistungen. Drittens ist die Zusammenführung von Waren- und Dienstleistungsdaten methodisch nicht vollständig konsistent, da Dienstleistungshandel auf Zahlungsstatistiken statt auf physisch erfassten Handelsströmen beruht, weshalb die Forschenden ihre Dienstleistungsschätzungen selbst als konservativ bezeichnen. Viertens betonen die Autorin und der Autor ausdrücklich, dass ihre Ergebnisse als robuste empirische Assoziationen und nicht als gesicherte kausale Effekte zu interpretieren sind.
Wichtige Datenpunkte und Indikatoren
- Exportrendite Deutschland (PDFGLS, 2005 bis 2024): 2,50 US-Dollar zusätzliche Exporte pro Dollar bilateraler EZ (Konfidenzintervall 1,88 bis 3,11 US-Dollar) (Martínez-Zarzoso und Lessing 2026, Tabelle 2)
- Elastizität deutscher Exporte gegenüber bilateraler EZ: 0,108 (statistisch signifikant auf dem Ein-Prozent-Niveau)
- Gesicherte beziehungsweise geschaffene Arbeitsplätze in Deutschland (2005 bis 2024, kumuliert): rund 378.933, davon rund 338.015 im Warenexport und rund 40.918 im Dienstleistungsexport
- Beitrag zur deutschen Wertschöpfung (Bruttoinlandsprodukt): durchschnittlich 37,8 Milliarden US-Dollar
- Anteil signifikanter Sektoren für Deutschland: 32 von 40 untersuchten ISIC-Industriezweigen
- Rendite nach Einkommensgruppe (Deutschland): 0,50 US-Dollar pro Dollar EZ bei den am wenigsten entwickelten Ländern gegenüber 6,26 US-Dollar bei oberen Mitteleinkommensländern
- Anteil der Dienstleistungen an den Exporten der Geberländer in EZ-Empfängerländer: 15 bis 50 Prozent, mit steigender Tendenz für Deutschland
- Abdeckung der verwendeten bilateralen ODA-Daten im Verhältnis zu den insgesamt gemeldeten EZ-Leistungen: 12 bis 44 Prozent je nach Geberland
- Vergleichswert Vorgängerstudie (Datenbasis bis 2023): 0,36 Euro zusätzliche Exporte pro Euro EZ und rund 139.000 gesicherte Arbeitsplätze (KfW Entwicklungsbank 2024)
Erkenntnisse (Lessons Learned)
Erstens zeigt der Vergleich mit der Vorgängerstudie, dass die Berücksichtigung von Dienstleistungsexporten und ein methodisch verfeinertes Langfristmodell die geschätzten Exporteffekte deutscher EZ erheblich nach oben korrigieren, ein Hinweis darauf, dass frühere, rein warenbasierte Schätzungen den tatsächlichen wirtschaftlichen Nutzen der EZ für das Geberland systematisch unterschätzt haben könnten.
Zweitens verdeutlicht die Diskrepanz zwischen den PDFGLS- und PPML-Schätzungen für Deutschland, dass empirische Aid-Trade-Effekte stark von der gewählten Schätzmethode abhängen. Politische Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger sollten publizierte Punktschätzer daher stets im Lichte der zugrunde liegenden Methodik und möglicher alternativer Spezifikationen einordnen, statt einzelne Kennzahlen unreflektiert zu übernehmen.
Drittens bestätigt sich, dass die wirtschaftlichen Rückflüsse der EZ ungleich zwischen Empfängerländern verteilt sind: Größere Schwellenländer erzielen für das Geberland deutlich höhere Handelsrenditen als die ärmsten Partnerländer. Dies bringt ein strukturelles Spannungsfeld zwischen entwicklungspolitischer Zielsetzung (Armutsbekämpfung, Unterstützung der ärmsten Länder) und wirtschaftlicher Eigeninteressenlogik des Geberlandes zum Ausdruck, das in der politischen Kommunikation nicht vergessen werden sollte.
Viertens zeigt die abgeschwächte Wirkung nach 2019, dass externe Schocks wie die Corona-Pandemie und geopolitische Verschiebungen wie der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine die Stabilität von Aid-Trade-Zusammenhängen beeinflussen können. Langfristige Wirkungsaussagen sollten daher regelmäßig mit aktualisierten Daten überprüft werden.
Fünftens legt die sektorale Heterogenität nahe, dass pauschale Aussagen über „die“ Exportwirkung von EZ irreführend sind. Eine differenzierte, sektorspezifische Betrachtung ist notwendig, um Erwartungen an einzelne Förderprogramme realistisch zu kalibrieren.
Potenzial für Skalierung und Übertragbarkeit
Die methodische Vorgehensweise der Studie, insbesondere die Einbeziehung von Dienstleistungshandelsdaten über die BaTIS-Datenbank und die sektorale Verknüpfung mit Input-Output-Tabellen, ist grundsätzlich auf weitere Geberländer und längere Zeiträume übertragbar, sofern vergleichbare Handels- und EZ-Daten vorliegen. Die Studie selbst wendet den Ansatz bereits auf fünf Geberländer an und liefert damit ein Modell für vergleichende Untersuchungen weiterer OECD-DAC-Mitglieder.
Fördernde Rahmenbedingungen für eine Übertragung sind vor allem eine verlässliche bilaterale EZ-Datenbasis, aktuelle Input-Output-Tabellen (die WIOD-Datenbank ist mit Stand 2016 bereits veraltet) und eine ausreichend lange Zeitreihe, um Kurz- und Langfristeffekte statistisch zu trennen. Ressourcenseitig ist die Methode vergleichsweise aufwendig, da sie 40 sektorale Einzelschätzungen pro Geberland sowie eine Verknüpfung mehrerer internationaler Datenquellen erfordert.
Für die Politikgestaltung ergibt sich daraus die Implikation, dass eine Aktualisierung der Input-Output-Grundlagen und eine Ausweitung auf weitere Geberländer, insbesondere solche mit anderen EZ-Schwerpunkten wie Frankreich, das Vereinigte Königreich oder die USA, wertvolle zusätzliche Evidenz für die entwicklungspolitische Debatte liefern könnte. Gleichzeitig zeigt die Studie, dass sich der Ansatz nicht eignet, um einzelne EZ-Projekte oder -Programme gezielt nach ihrer Exportwirkung zu optimieren, da die Effekte primär über indirekte, gesamtwirtschaftliche Kanäle wirken und nicht auf Projektebene steuerbar sind.
Für politische Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger, Geldgeberinnen und Geldgeber sowie Durchführungsorganisationen lassen sich aus den Ergebnissen mehrere konkrete Handlungsempfehlungen ableiten. Erstens sollte die Kommunikation über den wirtschaftlichen Nutzen der EZ für das Geberland auf robuster, methodisch transparent ausgewiesener Evidenz beruhen und dabei die Bandbreite der Schätzunsicherheit (unterschiedliche Ergebnisse je Schätzverfahren) offenlegen, statt sich auf einzelne Punktschätzer zu beschränken. Zweitens sollten Investitionsentscheidungen in nachhaltige Infrastruktur und Klimaschutzvorhaben in Partnerländern auch unter dem Aspekt geprüft werden, dass sie sowohl entwicklungspolitische Ziele als auch Marktchancen für die heimische Exportwirtschaft, insbesondere im Maschinenbau, im Transportsektor und in der Elektroindustrie, verbessern können. Drittens sollte eine stärkere Exportorientierung der EZ nicht zu einer Vernachlässigung der ärmsten Partnerländer führen, da dort die wirtschaftlichen Rückflüsse für das Geberland strukturell geringer, die entwicklungspolitische Notwendigkeit aber besonders hoch ist. Viertens sollten künftige Wirkungsanalysen den Dienstleistungssektor systematisch mitberücksichtigen, da dieser einen wachsenden und bislang unterschätzten Anteil der EZ-bedingten Exportwirkung ausmacht.
Weiterführende Ressourcen und Links
Durchführende Organisation und Forschungseinrichtung:
- Ibero-Amerika Institut für Wirtschaftsforschung, Georg-August-Universität Göttingen: https://www.iai.wiwi.uni-goettingen.de
- Studienseite der Universität Göttingen: https://uni-goettingen.de/en/65593.html
Mittelgeber und Finanzierungspartner:
- KfW Entwicklungsbank, Development Research: https://www.kfw-entwicklungsbank.de/Internationale-Finanzierung/KfW-Entwicklungsbank/Denkfabrik/Publikationen/Publikationen-Development-Research.html
- Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ): https://www.bmz.de
Verwandte Projekte und Wissensplattformen:
- Vorgängerstudie „Deutsche EZ – Wie wirkt sie sich auf deutsche Exporte und Beschäftigung aus?“ (KfW Entwicklungspolitik Kompakt, Oktober 2024): https://www.kfw-entwicklungsbank.de/PDF/Download-Center/PDF-Dokumente-Development-Research/2024_10_28_EK_Deutsche_EZ_-_Wie_wirkt_sie_sich_auf_deutsche_Exporte_und_Besch%C3%A4ftigung_aus.pdf
- Kiel Working Paper zu verwandten Fragestellungen, Heidland, Michael, Schularick und Thiele (2025), „Identifying mutual interests: How donor countries benefit from foreign aid“: https://www.ifw-kiel.de
Zitierweise des Berichts
Lessing, Jonathan, and Inmaculada Martínez-Zarzoso. „More than Meets the Port: Donor Export Effects of Foreign Aid Revisited.“ Ibero-America Institute for Economic Research, Discussion Paper No. 258, Georg-August-Universität Göttingen, July 2026, https://uni-goettingen.de/de/document/download/b9f5c510d590a250623fd559fe069313.pdf/DB258.pdf.