Nachhaltigkeitsbildung im Wandel: Aktuelle Befunde zur non-formalen Bildungsarbeit in Deutschland 2025

Die non-formale Bildungslandschaft in Deutschland steht an einem Scheideweg. Eine bundesweite Organisationsbefragung mit über 1.270 Einrichtungen aus 310 Landkreisen liefert erstmals seit 2013 aktuelle Daten zum Status quo nachhaltigkeitsbezogener Bildungsarbeit – und zeichnet ein ambivalentes Bild zwischen wachsender Relevanz und prekären Rahmenbedingungen.

Hohe Nachhaltigkeitsorientierung trifft auf strukturelle Defizite

Fast 70 Prozent der befragten Einrichtungen verankern nachhaltige Entwicklung als zentralen Fokus in ihren Bildungszielen und -konzepten. Bei jüngeren Einrichtungen, die nach 2019 gegründet wurden, liegt dieser Anteil sogar bei über 80 Prozent. Die Bildungslandschaft zeigt damit eine beeindruckende inhaltliche Ausrichtung – von außerschulischen Lernorten über Volkshochschulen bis zu Bibliotheken und Familienbildungsstätten.

Doch die ausgeprägte Nachhaltigkeitsorientierung steht im Kontrast zu fragilen Finanzierungsstrukturen. Über 60 Prozent der Einrichtungen erwarten in den nächsten fünf Jahren sinkende finanzielle Mittel – bei gleichzeitig steigender Nachfrage und höheren pädagogischen Anforderungen.

Inhaltliche Schwerpunkte: Ökologie dominiert, soziale Dimensionen unterrepräsentiert

Bei den inhaltlichen Zielen zeigt sich eine deutliche Schlagseite: Fast die Hälfte der Einrichtungen (46,6 Prozent) fokussiert auf ökologische Nachhaltigkeitsdimensionen. Soziale (13,1 Prozent) und ökonomische Aspekte (6,7 Prozent) bleiben deutlich unterrepräsentiert, insbesondere in ländlichen Regionen.

Diese Asymmetrie spiegelt sich auch in den konkreten Themen wider: Natur, Umwelt und Klimaschutz dominieren, während transformative Ansätze zu Gerechtigkeit, Partizipation und strukturellem Wandel weniger präsent sind. Hier zeigt sich Entwicklungspotenzial für eine ganzheitlichere BNE-Umsetzung.

Pädagogische Stärken: Lebensweltbezug und Handlungsorientierung

Die Studie attestiert der non-formalen Bildungsarbeit einen hohen Alltags- und Lebensweltbezug. Drei Viertel der Einrichtungen sehen die größte Chance ihrer Arbeit darin, Lernende von den Zwängen formaler Bildung (feste Curricula, Stundenpläne, Leistungsdruck) zu befreien.

Allerdings offenbart sich beim Thema Handlungskompetenz eine bemerkenswerte Diskrepanz: Während die Befähigung zum individuellen nachhaltigen Handeln im Alltag breite Zustimmung findet, wird die Förderung von Handlungskompetenzen auf gemeinschaftlicher, organisationaler und gesellschaftlich-politischer Ebene deutlich zurückhaltender bewertet. Nur 13,3 Prozent der Einrichtungen messen der gesellschaftlichen Handlungsebene höhere Bedeutung bei als der individuellen.

Dies ist angesichts der Dringlichkeit systemischer Transformationen kritisch zu sehen. Gerade kollektive Wirksamkeitserfahrungen und die Befähigung zu strukturellem Wandel sind zentral für eine wirksame Nachhaltigkeitsbildung.

Prekäre Beschäftigungsverhältnisse als Achillesferse

Die Personalsituation erweist sich als kritischer Engpass: Honorarkräfte und Ehrenamtliche bilden die größte Beschäftigtengruppe. Rund die Hälfte der Einrichtungen realisiert ihr Bildungsangebot mit freien oder ehrenamtlichen Mitarbeitenden. Die Kontinuität des Angebots hängt vielfach von unbezahlter Arbeit ab – eine unhaltbare Situation angesichts steigender Anforderungen.

Unzureichende Verdienstmöglichkeiten, hohe Arbeitsbelastung und fehlende Planungssicherheit führen zu Personalfluktuation und Problemen bei der Stellenbesetzung. Das Herrenberger Urteil zur Scheinselbstständigkeit verschärft die Lage zusätzlich: Über drei Viertel der betroffenen Einrichtungen geben an, dass eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung ihrer Honorarkräfte mangels Ressourcen keine Alternative wäre.

Weiterbildung: Hohe Motivation, moderate Bedarfe

Positiv hervorzuheben ist die ausgeprägte Weiterbildungsorientierung: Über 80 Prozent der Einrichtungen übernehmen Kosten für externe Fortbildungen ihrer Hauptamtlichen, über 60 Prozent bieten interne Fortbildungen an. Die Weiterbildungsbeteiligung liegt damit deutlich über dem Durchschnitt der Bildungsbranche.

Interessant ist die Verschiebung der Weiterbildungsbedarfe: Während frühere Studien organisatorische Kompetenzen und Soft Skills betonten, rücken nun fachliche und methodische Inhalte in den Vordergrund. Praktische Methoden, Fördermittelakquise und Projektmanagement werden als prioritär eingeschätzt. Weiterbildungen zu technologischen Möglichkeiten werden hingegen vergleichsweise gering priorisiert – was zur skeptischen Einschätzung der Digitalisierungseffekte auf die Kompetenzförderung passt.

Finanzierung: Projektlogik verhindert strukturelle Verankerung

Die Finanzierungsstrukturen sind hochgradig heterogen und von Projektförderung dominiert. Viele Einrichtungen berichten von fehlender Planungssicherheit, da sie auf jährliche Bewilligungen angewiesen sind und ständig mit Budgetkürzungen rechnen müssen. Die aktuelle wirtschaftliche Lage wird mit deutlicher Tendenz ins Negative eingeschätzt – in Ostdeutschland noch pessimistischer als in Westdeutschland.

Die Projektlogik bindet enorme Ressourcen: Akquise, Antragstellung und Abrechnung fressen Zeit, die für die eigentliche Bildungsarbeit fehlt. Gleichzeitig verhindert sie strukturelle Verankerung und langfristige Qualitätsentwicklung. Einrichtungen fordern nachdrücklich tragfähige, institutionelle Fördermodelle statt befristeter Projektfinanzierung.

Kooperation als Regelfall – Schulen als wichtigste Partner

Kooperation prägt die Bildungslandschaft: Für die Mehrheit der Einrichtungen sind Schulen die wichtigsten Partner. Sie sehen große Chancen, Nachhaltigkeitsthemen in den Schulalltag zu integrieren und alternative Lernorte zu schaffen. Gleichzeitig problematisieren sie den hohen Aufwand, fehlende Ansprechpersonen und mangelnde Augenhöhe in der Zusammenarbeit.

Entscheidend ist das Kooperationsmotiv: Pädagogische Aspekte wie die Erschließung neuer Zielgruppen und Qualitätssteigerung überwiegen deutlich gegenüber organisatorisch-finanziellen Erwägungen. Dies unterstreicht das genuine Bildungsinteresse der Einrichtungen.

Gesellschaftliche Polarisierung als Bildungsauftrag und Existenzrisiko

Über drei Viertel der Einrichtungen konstatieren einen erhöhten Bedarf, Fragen gesellschaftlicher Polarisierung im Kontext von Nachhaltigkeitskrisen zu bearbeiten. Viele haben das Thema bereits systematisch in ihre Angebote integriert, Mitarbeitende fortgebildet und Netzwerke erweitert.

Gleichzeitig befürchtet ein Viertel der Einrichtungen (in Ostdeutschland deutlich mehr), dass Polarisierungstendenzen ihre Finanzierung gefährden könnten. Angesichts aktueller politischer Entwicklungen und Debatten um Gemeinnützigkeit ist diese Sorge nicht unbegründet.

Zukunftsperspektiven: Steigende Relevanz trifft auf Ressourcenknappheit

Die Einrichtungen prognostizieren für die nächsten fünf Jahre: mehr Bedeutung nachhaltiger Entwicklung als Bildungsinhalt, steigende Nachfrage, intensivere Kooperation mit formaler Bildung und zunehmende Politisierung von Nachhaltigkeitsthemen. Gleichzeitig erwarten sie höhere pädagogische Anforderungen bei sinkenden finanziellen Mitteln – eine Schere, die nicht dauerhaft tragfähig ist.

Chancen für Trainer:innen: Wachsender, aber prekärer Markt

Für freie Trainer:innen und Bildungsschaffende eröffnen sich ambivalente Perspektiven:

Wachsende Nachfrage: Die steigende Relevanz von Nachhaltigkeitsthemen und die prognostizierte Nachfragesteigerung schaffen Beschäftigungspotenziale, insbesondere für spezialisierte Fachkräfte mit methodischer Expertise.

Weiterbildungsbedarfe: Einrichtungen suchen verstärkt nach Fortbildungen zu praktischen Methoden, transformativer Bildung, partizipativen Ansätzen, Konfliktmanagement und dem Umgang mit gesellschaftlicher Polarisierung. Hier besteht Raum für qualifizierte Angebote.

Kooperationen und Netzwerke: Der hohe Stellenwert von Kooperationen eröffnet Möglichkeiten für freie Trainer:innen, sich als Brückenbauer zwischen Einrichtungen oder als Partner für Schulkooperationen zu positionieren.

Prekäre Rahmenbedingungen: Die rechtliche Unsicherheit nach dem Herrenberger Urteil, projektbasierte Finanzierung und fehlende Ressourcen für faire Honorare erschweren nachhaltige Beschäftigungsverhältnisse. Trainer:innen müssen mit befristeten Engagements, Honorarschwankungen und administrativem Aufwand rechnen.

Qualifikationsanforderungen steigen: Die Komplexität von BNE, höhere fachliche Ansprüche bei politisierten Nachhaltigkeitsthemen und der Bedarf an transformativen Ansätzen erfordern kontinuierliche Professionalisierung. Trainer:innen, die sich interdisziplinär fortbilden und aktuelle Diskurse verfolgen, haben Wettbewerbsvorteile.

Hebelpunkte für strukturelle Verankerung

Die Studie identifiziert zentrale Hebel für die Stärkung nachhaltigkeitsbezogener Bildung: Zertifizierungen und Auszeichnungen, hohe Teilnehmendenorientierung, konsequente Umsetzung des Whole Institution Approach, vielfältige Kooperationen und die bewusste Förderung von Handlungskompetenzen auf allen Ebenen.

Fazit: Potenzial vorhanden, Strukturen fehlen

Die non-formale Bildungslandschaft verfügt über ausgeprägte Nachhaltigkeitsorientierung, pädagogische Expertise und hohe Motivation. Sie ist flexibel, lebensweltnah und erreicht diverse Zielgruppen jenseits formaler Bildungszwänge. Doch die strukturellen Rahmenbedingungen – prekäre Finanzierung, befristete Projektlogik, ungesicherte Beschäftigungsverhältnisse – gefährden diese Potenziale.

Die Sorge ist begründet, dass zwei Jahrzehnte Pionierarbeit durch Etatkürzungen gefährdet sind. Um die Leistungen zu bewahren und die steigende Nachfrage professionell zu begleiten, braucht es institutionelle Förderung statt Projektfinanzierung, faire Beschäftigungsverhältnisse und politische Anerkennung nachhaltiger Bildung als gesellschaftliche Kernaufgabe.

Für Trainer:innen bedeutet dies: Der Markt wächst, aber die Rahmenbedingungen bleiben herausfordernd. Wer sich positionieren will, sollte auf fachlich-methodische Spezialisierung, Netzwerkarbeit und die Fähigkeit setzen, in unsicheren Strukturen zu navigieren.

Quelle: Widany, S. & Schulte-Südbeck, M. (2025). Lernen für Nachhaltigkeit in non-formalen und in-formellen Settings. Ergebnisse einer bundesweiten Organisationsbefragung 2024. Institut Futur, Freie Universität Berlin. http://dx.doi.org/10.17169/refubium-47897

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